Stromberg am Telegraphenberg
Stromberg
Dieser Aufsatz ist erschienen in: Jahrbuch der Stadt Bendorf 1974, S. 26 ff von Jürgen Hoppen Als im Zuge der Eingemeindung Strombergs in die Stadt Bendorf die Umbenennung einiger Ortsstraßen notwendig wurde, erhielt die ehemalige Engerser Straße den neuen Namen "Am Telegrafenberg". Den alteingesessenen Strombergern, deren Sonntagsspaziergang des öfteren zum "Telegraf" führt, wird diese Straßenbezeichnung erklärlich sein, den Neubürgern jedoch etwas merkwürdig vorkommen. Wie in so vielen die Orts- und Heimatgeschichte betreffenden Fragen gibt hier die alte Schulchronik eine verläßliche und erklärende Auskunft: Seit den ersten Anfängen menschlichen Gemeinschaftslebens bis auf den heutigen Tag müht sich der findige Menschengeist, die schnelle Übermittlung wichtiger Nachrichten immer mehr zu vervollkommnen. Jede Epoche löste diese Aufgabe mit den ihr zur Verfügung stehenden, oft spärlichen Mitteln. So liegt ein weiter, mühsamer Weg stetiger Aufwärtsentwicklung zwischen der Zeit, da die Vorväter durch den Schein der Bergfeuer ihre Nachrichten verbreiteten, und der Gegenwart mit Gemeinschaftsempfang durch Rundfunk und Fernsehen. Ein Glied in dieser langen Entwicklungsreihe ist der preußische Zeichentelegraf, mit dem man bereits vor 140 Jahren über Stromberg hinweg telegrafierte. Streckenverlauf der Optischen Telegraphenlinie Berlin-Köln-Koblenz Es war im Jahre 1832. Ein königliches Dekret beauftragte eine Kommission unter Generalleutnant von Krauseneck, die westlichen Provinzen durch eine beschleunigte Nachrichtenübermittlung besser mit der Landeshauptstadt zu verbinden. Man entschied sich für die Anwendung des Zeichentelegrafs, wie ihn der Geheime Postrat Pistor erfunden hatte. In Abständen von 8 -15 Kilometer erbaute man auf erhöhtem Gelände 60 Stationstürme zwischen der Landeshauptstadt und der rheinischen Residenz Koblenz. Auf der alten Sternwarte in Berlin errichtete man die Anfangsstation. Von da führte die Telegrafenlinie über Potsdam, Magdeburg, Halberstadt, Minden und Iserlohn nach Köln, wo man den damaligen Kirchturm von St. Pantalon als Stationsturm verwandte, der dadurch eine kaum verständliche Gestaltung erfuhr. Von Köln führte die Linie der Stationstürme dann über die Rheinhöhen bis zu jenem Bergrücken oberhalb des Saynbaches und nahe bei Stromberg, der noch heute den Namen "Telegrafenberg" trägt. Nach Stromberg folgten die restlichen Stationen auf der Feste Ehrenbreitstein sowie auf dem Schloß in Koblenz. restaurierter Stationsturm in Köln-Flittard Betrachte man nun einmal etwas eingehender eine solche Telegrafenstation: Um eine von der näheren Umgebung ungestörte Sicht zu gewährleisten, ist die eigentliche Telegrafenanlage auf einem zwölf Meter hohen Turm errichtet, der sich in vier Stockwerke gliedert. Jedes Stockwerk bildet einen Raum von 4 m Länge, 5 m Breite und 3 m Höhe. Eine breite Tür führt ins Erdgeschoß, in dem sich der Eingang zur seitlich angebauten Dienstwohnung der Telegrafisten befindet. Im übrigen dient er als Geräte- und Vorratsraum. Nach oben führt eine Treppe ins zweite und dritte Stockwerk, die zu Wohnzwecken hergerichtet sind. Wiederum eine Treppe höher, und man befindet sich im obersten Geschoß, dem eigentlichen Dienstraum der Telegrafisten. Grundrisszeicnung eines Dienstzimmers Durch zwei kleine Maueröffnungen in den gegenüberliegenden Wänden ragt je ein Fernrohr in die Richtung der benachbarten Stationen. Der eine Telegrafist hat seinen Platz zwischen den beiden Fernrohren, durch die er sorgfältig auf ein Zeichen von den Nachbartürmen zu achten hat. In der Mitte des Zimmers ragt durch den Fußboden vom dritten Stockwerk her ein ca. 30 cm starker Holzmast, der durch die Decke des Zimmers ins Freie strebt. An zwei Seiten des Mastes hängen je drei Seilzüge herab, deren Auslösungsbügel mit einer Stellscheibe verbunden sind, Hier ist der Platz des zweiten Telegrafisten, der von hier aus am oberen Mast die Zeichen einstellt, wie sie durch die Fernrohre an dem nächsten Turm zu erkennen sind. Steigt man aus dem Dienstraum auf einer Stufenleiter nach oben, so gelangt man durch eine Falltür auf die Plattform des Turmes, die einen prachtvollen Ausblick in die weite Landschaft bietet. Hier steht man vor dem gewaltigen Mast, der den Turm noch um 10 Meter überragt. Vier Halteseile mit Spannschrauben geben ihm neben der Verankerung im 3. Stockwerk den nötigen Halt gegen die Macht des Sturmes. Eine eiserne Leiter führt am Mast empor zu den zweiseitig angebrachten 6 Flügeln, die mit Hilfe von Seilen über Rollen hinweg in die verschiedensten Stellungen gebracht werden können. Die Flügel, in der Dienstsprache Indikatoren genannt, sind aus schwarzem Eisenblech. Um das Blinken durch die Lichtreflexe auffallender Sonnenstrahlen zu verhindern, ist ein
rechteckiges Mittelfeld aus den Flügeln ausgestanzt und mit einem Drahtgeflecht versehen. Dies hat den weiteren Vorteil, daß hierdurch dem Wind keine allzu große Angriffsflächen geboten werden. Die Länge der Signalflügel beträgt 1,88 m, di e Breite 44 cm. Blick in den Dienstraum der Telegraphisten Die Bedienung der drei Flügelpaare war denkbar einfach. Der Telegrafist bewegte den Seilzug vom Dienstzimmer aus und brachte über die Rollen die Signalflügel in eine bestimmte Stellung, wie sie von der Seilscheibe abzulesen war. Der Winkel konnte 0-45-90 oder 135 Grad betragen. So ergab sich für die drei Flügelpaare rein rechnerisch die Möglichkeit, über 4000 verschiedene Zeichen einzustellen. Aus diesen waren nun diejenigen Flügelstellungen ausgewählt, die sich auf größere Entfernungen am markantesten voneinander unterschieden. So hatte jeder Buchstaben des Alphabetes sein festgelegtes Zeichen. Daneben gab es noch besondere Zeichen, die für die schnelle Durchgabe von Telegrammen unentbehrlich waren (z.B. Koblenz sendet!- Unterbrechung wegen technischer Mängel! - schlechter Sicht!- Irrtum!- Schluß!- u. v. a.). Bei günstiger Witterung durcheilte ein Buchstabenzeichen in 20 bis 30 Minuten die Strecke Koblenz-Berlin, so daß für die Durchgabe einer kurzen Meldung kaum mehr als eine Stunde benötigt wurde, für die damalige Zeit gewiß eine beachtliche Leistung. Jede Station war mit zwei Telegrafisten besetzt, die sich im Bereitschaftsdienst ablösten, beim Telegrafieren jedoch beide in Aktion traten. Es mußten unbedingt zuverlässige Beamte sein, denn versagte auch nur eine Station, so war der ganze Betrieb lahmgelegt. Gewöhnlich bildete man Reservisten der Armee, deren Zuverlässigkeit und Pflichttreue in langjähriger Dienstzeit erprobt war, als Telegrafisten aus. Abseits von den menschlichen Siedlungen führten sie ein einsames Dasein. Die durch ihren Dienst bedingte ständige Beobachtung der Witterung machte sie zu geschätzten Wetterpropheten. Indikatoren-Stellung für eine zu übermittelnde Nachricht Die optische Telegrafie, die im Jahre 1834 eröffnet wurde, stand lediglich der Ubermittlung von Staotstelegrammen zur Verfügung. Wichtige Mitteilungen wurden chiffriert. Um die Gesandtschaftsberichte von Paris, Brüssel und London schneller nach Berlin zu expedieren, wurde im Jahre 1836 Köln als Zwischensender eingeschaltet. Arbeitete die optische Telegrafenlinie auch viele Jahre zum Nutzen des Staates, so hafteten ihr doch große Mängel an. So war bei Nachtzeit und nebliger Witterung ihre Benutzung nicht möglich, oft mußte die Durchsage eines Telegrammes unterbrochen werden, bis die Sicht klarer wurde, was besonders in den Herbstmonaten oft Tage dauerte. Darum blieb man angestrengt bemüht, die Anlage zu verbessern, man versuchte es mit Laternen und Leuchtraketen, die die Nacht und den Dunst durchdringen sollten, kam aber zu keinem brauchbaren Ergebnis. So ließ man den Zeichentelegrafen von 1834 bis 1848 in der ursprünglichen Form arbeiten, bis eine neue Zeit heraufzog. Vom 1. Oktober 1849 an stand ein elektrischer Telegraf zur Verfügung. Der preußische Staat verkaufte seine Stationsgebäude, die mit wenigen Ausnahmen dem Abbruch verfielen, so auch die Stromberger Station. Vom Wegzug der beiden Stromberger Telegrafisten berichtet uns der damalige Lehrer Valentin Überrock in der Schulchronik: "In dem Jahre 1849 sind die beiden Telegraphisten, Herr Obertelegraphist Pohl und Herr Telegraphist Friedrich Bennewitz, ersterer als fungierender Assistent der Telegraphenstation Potsdamer Tor in Berlin, letzterer in gleicher Eigenschaft nach Erfurt versetzt worden. Herr Obertelegraphist Pohl, welcher eine Tochter, Rosalia, verehelicht mit dem Bürger Johann Reith und mehrere Enkel hat, zog am 1. Juli ab, seine Frau blieb bis zum 20. August noch in Stromberg, wo sie auch abzog, und eine Enkelin, die Wilhelmina Reith mitnahm. Dieses Mädchen ist geboren den 30. Mai 1839, wurde in die Schule aufgenommen den 1. Mai 1845, war stille, lernbegierig und sehr brav. Der Abschied dieses Mädchens von seinen übrigen Mitschülern erweckte ein trauriges Wehklagen, da vielleicht sie nie mehr ansichtig würde. Eine glückliche Reise, ein gesundes Lebewohl und ein baldiges Wiedersehen waren die letzten Worte, welche diesem geliebten Mädchen von seinen übrigen Mitschülern und Mitschülerinnen nachgerufen wurden. Thränen flossen in Mengen. Auch ich, sein Lehrer, reichte diesem guten Mädchen die Hand, wünschte ihm alles erdenkliche Gute auf die Reise sowie in seinem neuen Dienste in Berlin. Meine letzten Worte waren: ,Fahre fort in Deinem Lernen und Betragen, und du wirst zeitlich und ewig glücklich sein. Kommst du einstens wieder zurück in deine Heimath nach Stromberg, so wirst du mich zwar nicht mehr antreffen, dann aber gedenke noch meiner Lehre, welche ich dir in der Schule erteilte. Im Jenseits ist ein ewiges Wiedersehen, wo Eltern ihre Kinder und Kinder ihre Eltern, Lehrer und Schüler und alle frommen Menschen sich einander wiedersehen und ewig bleiben werden. Kaum war oben gedachtes Mädchen mit seiner Großmutter in Berlin angekommen, erkrankte diese an der damals herrschenden Krankheit, der Cholera, und starb. Das Mädchen konnte bei seinem Großvater nicht bleiben und kehrte im Herbst des Jahres wieder zurück in seinen Geburtsort Stromberg und besuchte nun da wieder fleißig die Schule. So geht es auf der Welt!"
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