Interessante Details aus der Geschichte von Sayn
Sayn
aus der Geschichte unserer Heimatstadt: von Werner Schönhofen Ein Lehrer beschrieb vor rund 125 Jahren Neuwied und Umgebung. Philipp Wirtgen verfaßte ein Buch über "Neuwied und Umgebung in beschreibender, geschichtlicher und naturhistorischer Darstellung" Prof. Dr. Philipp Wilhelm Wirtgen, 1806-1870 Philipp Wirtgen machte sich verdient um die Beschreibung der Flora von Neuwied und Umgebung. Er wurde 1806 in Neuwied geboren und war Lehrer in Remagen, Winningen und Koblenz, wo er 1870 starb. "Neuwied und Umgebung in beschreibender, geschichtlicher und naturhistorischer Darstellung" nannte er auch sein Buch, das vor zirka 130 Jahren erschien. Daraus sind die Passagen über Sayn entnommen. Sie verdeutlichen die großen Veränderungen, die dort seither eingetreten sind. Üppige Obstpflanzungen "Eine halbe Stunde östlich von Engers liegen Flecken, Schloß und Burg Sayn. Fortwährend die reizendste Bergansicht, die durch üppige Obstpflanzungen blickenden zahlreichen Ortschaften im Auge, wandern wir auf fast vollkommener Flache durch die lieblichen Fluren. Zu unserer Rechten erheben sich die zahlreichen dampfenden Schlote der den Gebrüder Lossen gehörenden Concordiahütte. Reihen von Fuhrwerken, mit den Produkten der Gegend, namentlich mit Eisenerz vom Westerwalde beladen, beleben die Straßen. Zwei dunkelbewaldete, in das Gebirge tief eingeschnittene Täler, das Sayn- und das Brächsetal, zeigen ihre steilen Gehänge. Da, wo sie in das Rheinbecken einmünden, vereinigen sich ihre rasch fließenden Bäche. Ein schroffer Felsenhang tritt in einem spitzen Winkel gegen das offene Rheinthal vor. Er ist das Ende eines Westerwald- Ausläufers, eine Scheidewand zwischen beiden Tälern bildend. Der ganze felsige Abhang ist mit Trümmern und emporragenden Mauern der Saynburg bedeckt, an deren Fuß das neue prächtige Schloß seine glänzenden Giebel erhebt. Vor uns liegt der anmutige Park, in welchem die Seine und die Brachysa (Namen der beiden Bäche in einer Urkunde von 959) sich verbinden. Rechts vor uns breiten sich die mit Obstpflanzungen bedeckten sanften Berghänge nach Bendorf hin aus; links erhebt sich der Friedrichsberg, mit den dahinter gelegenen Randbergen, dem Harmorgen bis zur Alteck. Aus dem Tale der Sayn wirbelt von den Hüttenwerken der Rauch auf. Es ist ein unbeschreiblich lebensvolles Bild, in welchem Natur und Kunst, Gegenwart und Vergangenheit in dem mannigfachsten Wechsel sich vereinigen. Wenn wir die Gartenanlagen durchschreiten, wird uns das seit 1849 in (neu-) gotischem Stile neu erbaute Schloß des Fürsten von Sayn- Wittgenstein- Sayn zu einem Besuche einladen. Sonntags und donnerstags ist gegen ein geringes Eintrittsgeld zum Besten der Armen des Ortes, die Besichtigung der inneren Räume und ihrer Kunstschätze gestattet. Das neuerbaute Schloß der Fürsten von Sayn (um 1910) auf einer Ansichtspostkarte In den Vorhallen erfreut uns der Anblick einiger plastischer Kunstwerke, Erinnerungen an Pompei und Harnische. Der Speisesaal links vom Eingang ist von prächtiger Holzarbeit im reinsten gotischen Stile ausgeführt. Nach rechts treten wir in die Galerie, in welcher eine Anzahl ausgezeichneter Gemälde, meist der Neuzeit angehörig, unsere Blicke fesseln. Viele Prachtzimmer Von den trefflichen Skulpturen sind die Barmherzigkeit von Bartolini und die Unschuld von Bienaimé, Statuen in weißem Marmor, besonders hervorzuheben. Die Kunstmobilien in vielen Prachtzimmern ziehen unsere ganze Aufmerksamkeit an; sehr viele Kunstgegenstände der verschiedensten Art befinden sich noch in anderen dem Besucher nicht geöffneten Gemächern.
Ganz besonders aber zieht uns der, neben den vorhin genannten Sälen liegende Wintergarten an, eine durch zwei Etagen gehende, von oben erhellte Lavagrotte mit Prachtexemplaren des Pflanzenreiches. Das Wasser, welches der Wintergarten, so wie überhaupt das ganze Schloß, auch zu den Springbrunnen bedarf, wird zunächst mittels einer Dampfmaschine, aus dem Bach in ein, auf der unteren Ruine liegendes Reservoir gepumpt. Wir machen noch einen Besuch in der gotischen Schloßkapelle und ihrer Krypta, worin sich ein aus Elfenbein prachtvoll geschnitztes Krucifix von Paul de Bologna und ein wertvolles Reliquium mit einem Arm der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Thüringen, befinden. Dann erfreuen wir uns noch der kräftigen Pflanzenwelt in den Gewächshäusern, in denen viele ausgezeichnete Pflanzen, besonders Palmen und Verwandte ihre prächtigen Kronen erheben. Sämtliche Parkanlagen, den Schloßberg inbegriffen, umfassen vierzig Morgen. Das Schloß Sayn nach dem Umbau 1848-50 Das Schloß, früher Eigentum der Freiherrn Boos von Waldeck, wurde im Jahre 1848 von dem Fürsten Ludwig von Sayn-Wittgenstein- Berleburg angekauft und der ganze Neubau so rasch ausgeführt, daß es die fürstliche Familie schon im September 1850 beziehen konnte. Das Rittergut Sayn nebst Schloß, sämtlichem Inventar und bedeutenden Kapitalien wurde durch den nun verstorbenen Fürsten Ludwig im Jahre 1861 zu einem Fidei-Commis gestiftet und in der betreffenden Urkunde die Bestimmung getroffen, daß jeder Inhaber dieses Fidei-Commis den Titel Fürst zu Sayn-Wittgenstein- Sayn führen solle. Bei der königlichen Bestätigung dieser Stiftung wurde damit der erbliche Sitz im preußischen Herrenhause verbunden. Die fürstliche Familie ist von den Bewohnern von Sayn und der Umgegend hoch verehrt durch ihre Humanität und ihre tätige Fürsorge für die Armen. So hat die fürstliche Witwe Leonilla, geborene Fürstin Bariatinsky, eine Stiftung im Werte von zehntausend Talern an Kapital, und Immobilien für kirchliche und milde Zwecke zu Sayn errichtet. Drei Burgbauten Durchwandern wir nun die Trümmer der alten Burgen, die zwar ein ganzes auszumachen scheinen, aber wirklich aus drei gesonderten Burghäusern bestanden. Die unterste Burg gehörte ehedem den Freiherren von Stein, die mittlere den Herren von Reifenberg und erst die oberste ist die eigentliche Burg Sayn. Anmutige Wege, auf der Südseite durch Rebpflanzungen und Laubengänge, auf der Nordseite durch Wald und Gebüsch, führen nach dem Gipfel, wo sich eine Aussicht von unbeschreiblicher Schönheit auf das ganze Koblenz-Neuwieder Becken eröffnet. In einem Raum der obersten Burg, von einem Gitter geschützt, befindet sich auch die uralte, aus einem Eichenklotze geschnittene Statue des Grafen Heinrich III. von Sayn. der wegen seinem Körpermaße den Namen "der Große" erhalten hat. Er war der letzte Graf seines Stammes. Etwa tausend Schritte über der noch in Ruinen vorhandenen Burg, da, wo die Höhe sich zu der Brachysa (Brexbach) senkt, stand die ursprüngliche, die heute sogenannte alte Burg, von welcher Reifenberg; vor zwei Jahrhunderten, neben ihren dem Felsen eingehauenen Gräben, auch noch die Trümmer von Thürringen und einen verschütteten Brunnen sah... Die ehemalige Prämonstratenser-Abtei Sayn Das Dorf Sayn zieht sich eine Strecke in das Brächsethal hinein, wo auch die alte Abtei liegt, die nun seit Jahren zu Kirche, Pfarr- und Schulhaus der Gemeinde eingerichtet ist. In der Kirche befindet sich auch die berühmte Reliquie, der Arm des Apostels Simon. Ein anderer Teil des Ortes, meist aus ansehnlichen neuen Häusern gebildet, auch Saynerhütte genannt, geht in das Sayntal hinauf. Hier liegen auch die Maschinenfabrik des Herrn von Bleul und die mächtigen Werke der vormals königlichen Saynerhütte, jetzt seit 1865 im Besitze des Herrn Krupp, des berühmten Waffen- und Gußstahl- Fabrikanten von Essen."
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