Der Kreuzweg im Sayner Schlosspark
Sayn
Dieter Kittlauß Im Sayner S c h l o s s p a r k befindet sich in der Nähe des Eingangs zur Sparkasse ein Kreuzweg mit Bildstöcken aus Eisenkunstguss. Die Anregung zu diesem Kreuzgang kam vermutlich von Fürstin Leonilla, der Gemahlin des Fürsten Ludwig zu Sayn-Wittgenstein, die eine sehr fromme Frau war. Die Bildtafeln wurden nach den Entwürfen von Wilhelm Samuel Weigelt gestaltet, der einer der maßgebenden Modelleure für Eisenkunstguß an der Sayner Hütte war. Heute sind nur noch wenige Originaltafeln erhalten. Durch die Initiative des "Förderervereins für die Abtei Sayn" erfolgte der Nachguss der fehlenden oder beschädigten Bildtafeln und die Aufstellung aller 15 Stationen. Schon im vergangenen Jahr hat mich Werner Kutsche gebeten, im Rahmen der im Internet veröffentlichen heimatkundlichen Beiträge einen Kommentar zu diesem wunderschönen Kreuzweg zu schreiben. Dieser Bitte kann ich nun entsprechen. Die Einzelbilder der Kreuzwegstationen stammen aus der Fotosammlung von Werner Kutsche. Da wir nicht mehr voraussetzen können, dass die Tradition des Kreuzweges sowohl in seiner geschichtlichen Entwicklung wie in seinem inhaltlichen Gehalt allen bekannt ist, sind vor der Einzelerklärung der 15 Kreuzwegstationen allgemeine Erklärungen zur Geschichte und Bedeutung des Kreuzweges vorgestellt. Kleine Fibel über die Geschichte des Kreuzweges Zur religionsgeschichtlichen und religiösen Bedeutung des Weges Theologische Hintergründe des Kreuzweges (worum es geht ?) Der Kreuzweg im Sayner Schlosspark - Erklärungen zu den einzelnen Tafeln Kleine Fibel über die Geschichte des Kreuzwegs Die Begünstigung des Christentums durch Kaiser Konstantin I. Flavius Valerius Constantinus I. Maximus (der Große) (Regierungszeit: 307 - 337 n. Chr.) (geb. 274 n. Chr., gest. 337 n. Chr.) 312 kam es vor Rom an der Milvischen Brücke zwischen Maxentius und Konstantin, den beiden Westkaisern der römischen Tetrarchie, (Vier - Kaiser - Herrschaft) zur militärischen Konfrontation. Nach der Überlieferung stellte Konstantin seine Soldaten unter den Schutz des Sonnengottes Sol, der von den Christen oft mit dem auferstandenen Christus gleichgesetzt wurde. Nach der Legende sah Konstantin in der Nacht zuvor im Traum ein Christus-Kreuz und den Schriftzug IN HOC SIGNO VINCIS (Unter diesem Zeichen wirst du siegen). Konstantin vor seinen SoldatenDarauf ließ er seine Soldaten auf die Fahnen Kreuze nähen. Maxentius ertrank im Tiber und Konstantin siegte. Dieser Sieg im Zeichen des Sonnengottes verstärkte die christenfreundliche Haltung Konstantins. Er bestätigte 313 das Toleranzedikt, das Kaiser Galerius 311 für das Ostreich erlassen hatte, und gestattete somit dem Christentum auch im Westreich die freie Religionsausübung Münze Kaiser Konstantin mit der ersten Darstellung des Kreuzzeichens Nachdem Konstantin 324 den römischen Kaiser des Ostens, Licinius, in der Nähe von Byzantium am Bosporus besiegt hatte, war er römischer Alleinherrscher. Das Christentum wurde nun zum einigenden Band des "auferstandenen" Römischen Reiches. . Jerusalem als Baustelle des Kaiserreiches Das Bild stammt aus einem Fußbodenmosaik vom Ende des 6. Jahrhundert aus der Johanneskirche von Madaba (heute: Jordanien). Insgesamt handelt es sich um eine Karte des Heiligen Landes. Dieser Ausschnitt zeigt das von Mauern umgebene Jerusalem. In der waagerechten Mitte sieht man die große Prachtstraße, die durch das Ausgrabungsprogramm Israels in Teilstücken wieder gefunden wurde.Oben im Bild steht in großen griechischen Buschstaben: Hagia Polis Jerusalem (Heilige Stadt Jerusalem). Das Jerusalem aus der Zeit Jesu war nach der Eroberung durch die römischen Legionen im Jahre 70 völlig zerstört und zur nichtjüdischen Stadt AELIA CAPITOLINA umgestaltet worden . Nach dem 2. jüdischen Aufstand (132 - 135) unter Bar Kochbar Byzantinisches Mosaik; Plan von Jerusalem durften Juden die Stadt nicht mehr betreten. Bereits unter Kaiser Hadrian (117 - 138 n. C.) wurden über dem zerstörten jüdischen Tempel und der Hinrichtungsstätte Golgatha römische Tempel und Paläste gebaut, um den Sieg des Römischen Reiches über die jüdischen Rebellen sichtbar zu machen . Jetzt kehrt Konstantin die Geschichte wieder um. Nachdem er die Kaiserresidenz nach Byzantium verlegt hatte und Byzanz zur neuen Hauptstadt des Reiches wurde, rückte Palästina stärker in den Blick, besonders in Jerusalem wird ein umfangreiches Bauprogramm durchgeführt. Konstantin lässt den großen heidnischen Tempel abreißen und an dessen Ort eine Basilika bauen. Die spätrömische Stadt Aelia Capitolina liegt bis zu 10 m unter dem heutigen Jerusalem. Der Staat Israel hat durch ein umfangreiches Ausgrabungsprogramm Teile zugänglich gemacht. Hier auf dem Bild ist links unten der ursprüngliche Eingang aus der römischen Zeit zu sehen. Hier taucht nun die Kaiser-Mutter Helena auf. Die Kaiser-Mutter Helena und ihr Pilgerreise nach Palästina Kaiser-Mutter Helena Konstantius Clorus (= der Bleiche) Kaiserin Helena mit dem Kreuz Helena (Flavia Julia) (* 248 n. Chr., T 328 n. Chr.) Römische Offiziere durften nicht heiraten, es war ihnen aber gestattet, mit einer Konkubine zusammenzuleben. Kinder aus einer solchen Beziehung galten als unehelich (Bastard) und hatten den niedrigen sozialen Rang wie ihre Mutter. Nach dem aktiven Militärdienst wurde das Eheverbot aufgehoben und die Offiziere heirateten oft ihre bisherige Konkubine. Bevor Konstantius Chlorus (= der Bleiche) Kaiser wurde, lebte er mit der Prostituierten Helena zusammen und hatte mit ihr einen Sohn, der den Namen Konstantin trug. Als Konstantius Chlorus Tetrarch (= einer der vier Kaiser) des Nordwestreiches wurde, musste er sich auf Druck des Seniorkaisers Diokletian von seiner Lebensgefährtin Helena trennen und die kaiserliche Stieftochter Theodora heiraten. Über das weitere Schicksal von Helena wissen wir nichts, aber wir können davon ausgehen, dass Konstantin zu seiner Mutter immer in Beziehung stand. Konstantin galt zwar als unehelich, machte jedoch eine steile Karriere in der Armee. Als sein Vater, Konstantius Chlorus, am 25. Juli 306 in Britannien stirbt, wird Konstantin durch die römischen Truppen zum Nachfolger ausgerufen und erhält damit kaiserlichen Rang. Als eine seiner ersten Maßnahmen holt Konstantin seine Mutter Helena an den Kaiserlichen Hof in Trier und stattet sie mit den Privilegien einer Kaiserinmutter aus. Helena erhält den Ehrentitel NOBILISSIMA FEMINA (edelste Dame), ab 324 darf sie sich sogar AUGUSTA (Kaiserin) nennen. Eine Byzantinische Ikone: Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena Als Kaiserin und Mutter Konstantin's kommt Helena auch mit vielen christlichen Bischöfen und Kirchenlehrern zusammen und wird gläubige und praktizierende Christin. 326 kommt das Kaiserhaus im Zusammenhang mit einer politischen Säuberungswelle an den Rand einer Katastrophe. Konstantin lässt seine Frau Fausta und ihren gemeinsamen Sohn Crispus hinrichten. Helena ist zutiefst getroffen, da sie zu ihrem Enkel Crispus eine besonders enge Beziehung hatte. Hier liegt möglicherweise ein wichtiges Motiv für ihre Pilgerreise in das Heilige Land. Die Reise dauerte zwei Jahre und ist wahrscheinlich auf die Jahre 327 / 328 zu datieren, denn kurz nach ihrer Rückkehr aus Jerusalem starb Helena im Jahre 329. Als Kaisermutter und Augusta reist Helena mit großem Gefolge und wird überall feierlich empfangen. Überliefert ist vor allem Helenas Aufenthalt in Jerusalem. Jerusalem heute,Tempelberg und Klagemauer Die Auffindung des Kreuzes und der Beginn der Kreuzwallfahrten Grabeskirche in Jerusalem Straßenschild in Jerusalem; in hebräisch, arabisch und latein. Helena nutzte ihren Einfluss, um den schon durch den Kaiser begonnen Bau großer Kirchen in Jerusalem und in Bethlehem voranzutreiben . Besonders wichtig war ihr der Leidensweg Jesu. Sie ging davon aus, dass die historischen christlichen Gedächtnisstätten durch neue Tempel überbaut worden waren. Deshalb ließ sie solche Tempel zerstören und hier christliche Gebetsstätten bauen, denen jeweils bestimmte Ereignisse aus dem Leiden und Sterben Jesus zugeordnet wurden. Obwohl mittlerweile seit dem Tod Jesu ca. 300 Jahre vergangen waren, hatte Helena die Vorstellung, dass das Kreuz Jesu noch zu finden sei. Bei Ambrosius, dem Bischof von Mailand, kann man etwas später in einem legendären Bericht lesen, dass sich ein alter Mann mit Namen Judas, einer der wenigen Juden, die noch in Jerusalem lebten, erinnerte, dass unter dem Venustempel auf einem der Hügel die Grabhöhle Jesu sei. Helena ließ den Venustempel abreißen, so berichtet Ambrosius, und man "fand" die Grabhöhle Jesu und ganz in der Nähe drei Kreuze. Als man zwei Leichname auf das mittlere Kreuz legte, wurden die Toten lebendig. So der legendäre Bericht. Jedenfalls war Helena überzeugt, dass das gefundene Kreuz das ursprüngliche Kreuz war, an dem Jesus gestorben war. Der Kaiser ließ dann in Jerusalem eine große Kirche bauen, um das gefundene Kreuz hier aufzubewahren. Die katholische Kirche feiert heute noch im Mai das Fest der Kreuzauffindung und im September der Kreuzerhöhung. Die christlichen Kirchen feiern seit dieser Zeit das Fest der Kreuzauffindung. Helena nahm einzelne Teile des Kreuzes nach Konstantinopel mit, um diese dort in einer Prachtkirche, der der Hagia Sophia, den Gläubigen zur Verehrung zugänglich zu machen. Jerusalem, wo man schon seit dem 3. Jahrhundert die Heilige Woche vor Ostern feierte, wurde nun zum Wallfahrtort auch das Jahr hindurch und die Wallfahrt nach Jerusalem wurde der Pilgerfahrt zu den Apostelgräbern in Rom gleichgestellt. Die frommen Pilger kamen nach Jerusalem, um den Leidenweg Jesu nachzugehen, so wie ihn Helena festgelegt hatte. Dieser Weg, des das Kreuz tragenden Jesus, erhielt den Namen VIA DOLOROSA (Schmerzensweg). Verlauf der „Via Dolorosa“ Die Ausbreitung des Kreuzweges Im späten Mittelalter hat man als Ersatz für die via dolorosa auf Berghöhen die Kreuzigung Jesu und auf dem Weg dorthin die einzelnen Leidensstationen dargestellt. So hält der Kreuzweg Einzug in die christliche Volksfrömmigkeit. Noch 1590 waren es 12 Stationen. 1625 fügte der spanische Franziskanermönch Antonius Daza 2 Stationen hinzu, so dass man auf die Zahl 14 kam, beginnend mit der Verurteilung durch Pilatus und endend mit der Grablegung. Manchmal wurden nur sieben Stationen (1-Ölberg, 2-Geißelung, 3- Dornenkrönung, 4-Ecce Homo, 5-Kreuzweg, 6- Kreuzigung, 7-Kreuzerhöhung), die thematisch die ganze Leidensgeschichte umfassten, gestaltet. Um 1700 wurde begonnen, die Kreuzwegstationen in den Kirchen aufzustellen. Mitte des 18. Jahrhunderts erstellte der Franziskaner Leonhard von Porto Maurizio eine Anleitung zum Beten des Kreuzweges, welche bis heute in der katholischen Kirche berücksichtigt wird. In Einzelfällen wurde in der Neuzeit eine 15. Station angehängt, bei der der Auferstehung gedacht wird. In der katholischen Kirche hat es sich eingebürgert, den Kreuzweg in der Fastenzeit betrachtend und betend zu geh en. Die Stationen 1, 5, 8, 10, 11,12, 13, 14 und 15 gehen auf die Überlieferung des Neuen Testamentes zurück. Die übrigen Stationen sind aus außerbiblischen Überlieferungen abgeleitet, den sog. Apokryphen, die in der Volksfrömmigkeit eine große Rolle spielten und von der Kunst oft aufgegriffen wurden Zur religionsgeschichtlichen Bedeutung des religiösen Weges In allen Religionen hat der Weg eine tiefe religiöse Bedeutung. Prozessionen in feierlicher Form bestimmten schon in den altorientalischen Religionen Ägyptens und der babylonischen Staaten den Ablauf des Jahres. Ein anschauliches Beispiel ist die babylonische Prozessionsstraße mit dem Ischtar - Tor und der Thronsaalfassade aus der Zeit des Königs Nebukadnezar (604-562 v. Chr.) im Berliner Pergamonmuseum. In griechisch - römisch - hellenistischer Zeit spielten die Wallfahrten zu den berühmten Heiligtümern wie z.B. das Orakel von Delphi oder der Tempel der Artemis in Ephesus eine große Rolle. Die Gründe waren ganz unterschiedlicher Art: Vereinigung mit dem zu verehrenden Gott in einer Mysterienhandlung, Bitte um Gesundheit, um Kinder, um ein langes Leben - um einige Beispiele zu nennen. Wenn die siegreichen Feldherren nach Rom kamen, ordnete der Senat einen Triumphzug an, bei dem Gefangene und Schätze vorgeführt wurden und die Sieger den Göttern als Dank besondere Opfer brachten. Als die Grundlage für die Entstehung des Volkes Israel sah und sieht man im Judentum die Befreiung aus Ägypten und der 40jährige Zug durch die Wüste. Bereits Abraham, der Urahn der drei monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islams, war ein Wanderer von seiner babylonischen Heimat Ur in das Land Kanaan. Die frommen Juden zogen hinauf nach Jerusalem zum Tempel. In der frühen christlichen Kirche gab es die Wallfahrten, Prozessionen und Pilgerreisen zu den Apostelgräbern und - wie wir oben gesehen haben - auch nach Jerusalem. Wichtig waren Orte, wo Reliquien besonderer Art aufbewahrt oder besondere Phänomene (z.B. Heilungen, Erscheinungen) überliefert wurden. Die christliche Frömmigkeit kennt viele Wallfahrten zu heiligen Orten, Bittprozessionen über die Felder, die Studentenwallfahrt nach Chartre, den Pilgerweg nach Santiago de Compostela, die großen Prozessionen zu Fronleichnam oder in der Karwoche in Andalusien, die Reise zu den Gräbern heiligmäßiger Menschen oder zu den eigenen Vorfahren. In unserer Zeit sind diese Traditionen immer noch für viele bedeutsam. Auch im Islam spielen Wallfahrten eine große Rolle. Für jeden gläubigen Muslimen ist es Pflicht und Sehnsucht, einmal im Leben nach Mekka zu pilgern.. Die Beerdigung von Martyrern und Heiligen sind in islamischen Ländern oft Massenereignisse bei denen die Toten durch den Ort zum Friedhof getragen werden. Aber auch in den östlichen Religionen kennt man den religiösen Weg. Die Pilgerreise zum Ganges und die tagelangen Prozessionen der tibetanischen Buddhisten zu den heiligen Bergen seinen als zwei Beispiele genannt. Auch die pseudoreligiösen Aufmärsche in autoritären Staaten (3. Reich, Sowjetunion, DDR, China Nordkorea) mit ihren Riten und Symbolen haben durchaus religiösen Charakter, wenn auch die Huldigung nicht den Göttern sondern den politischen Führern dargebracht wird. Letztlich sind alle diese vielen Formen des religiösen Weges Chiffren /Bilder / Gleichnisse für unseren eigenen Lebensweg, für die Wanderung zum Ziel des Lebens: für die einen Durchgang zum eigentlichen Leben, für andere zur Wiederkehr oder zur Vollendung. In einem neuzeitlichen Kirchenlied heißt es: "Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh' mit mancherlei Beschwerden der ew'gen Heimat zu." (Text: Georg Thurmair 1935. Melodie: Adolf Lohmann 1935. In: Katholisches Gesangbuch "Gotteslob" Nr.656) Theologische Hintergründe des Kreuzweges Für nicht wenige Menschen in der modernen Welt der Industriegesellschaft ist die biblische Tradition des Christentums nur noch sporadisch oder sehr oberflächlich bekannt, manchmal sogar nur aus den biblischen Massenfilmen. Deshalb sollen hier einige theologische Hintergründe des Kreuzweges erläutert werden. Wer sich in diesen Fragen auskennt, kann diesen Abschnitt überlesen. Über die Person Jesu erfahren wir das meiste in den vier Evangelien der neutestamentlichen Schriften (Neues Testament). Allerdings handelt es sich hier nicht um historische Berichte sondern um Glaubenszeugnisse, die mit den Stilmitteln der damaligen Zeit arbeiten. Mit Selbstverständlichkeit wurden damals für eine bestimmte Aussage geschichtliche Daten verändert. An einem Beispiel können wir uns dies verdeutlichen: Als Octavian Kaiser des römischen Reiches wurde, nahm er nicht nur mit Augustus einen neuen Namen an, auch seine Geburt wurde rückwirkend mit Mirakeln und wunderbaren Ereignissen umgeschrieben, denn der Kaiser stand ganz nahe bei den Göttern und so musste auch seine Geburt wunderbar gewesen sein. So war es für die damaligen Leser und Hörer überhaupt nicht befremdend, dass Jesus eine neue Vita bekam, entsprechend seiner Größe und Bedeutung. Es wurden eigene Kindheitsgeschichten komponiert und beliebte Erzählungen eingefügt. Da das Christentum eine jüdische Variante war, spielte die Schriftbeweise und die Erfüllungen von Prophezeiungen eine große Rolle. Besonders in der evangelischen Theologie wurden in den letzten Jahrhunderten viele Methoden erarbeitet, mit denen wir den ursprünglich gemeinten Sinn der biblischen Schriften (die ja z.T. mehr als 2500 Jahr alt sind bzw. sehr alte Traditionsstücke verarbeiten) besser verstehen können. Damit wird uns die religiöse Erfahrung der früheren Generationen nachvollziehbar. Verdeutlichen müssen wir uns auch, dass früher die meisten Menschen zwar weder Lesen noch Schreiben konnten, aber dafür ein phänomenales Gedächtnis hatten. Wichtige Texte wurden oft erzählt und darum auch erzählbar geschrieben. Deshalb spielten anschauliche Geschichten eine große Rolle. Jeder, der eine solche Geschichte hörte, wusste sofort, was damit gemeint war. In der wissenschaftlichen Diskussion ist heute die Person Jesu nicht mehr umstritten, das liegt auch daran, dass wir viel mehr als frühere Generationen von der Zeit Jesu wissen. So wissen wir beispielsweise, dass es einige Kilometer von Nazaret, dem Heimatdorf Jesu, eine große römische Stadt mit Namen Sepphora gab, wo es Schulen, Straßen, Zentralheizung, Sportstätten und ein großes Theater gab. Deshalb können wir es uns durchaus vorstellen, dass Josef, der Vater Jesu, eher ein mittelständischer Bauunternehmer war und Jesus auch über Schulbildung verfügte, also neben seiner Muttersprache Aramäisch die jüdische Religionssprache, also Hebräisch, lesen und schreiben konnte, dazu wahrscheinlich auch Kenntnisse in Griechisch als die Kultursprache und Lateinisch als die Sprache der Politik hatte. Hier sei der Hinweis gestattet, dass die uns überlieferten Namen im Aramäischen einen anderen Klang hatten: Jesus ist die lateinische Übersetzung des aramäischen Joschua (oder Jeschua) und Maria des alten hebräischen Namens Mirjam. Hieronymus Bosch und die Auferstehung Für die christlichen Generationen der vergangenen zwei Jahrtausende war Jesus / Joshua eine Schlüsselgestalt für ihr Leben. Jede Generation gab ihre Sicht von ihm und damit auch ihre Lebenserfahrung an die nächste weiter. Nicht alles können wir heutzutage nachvollziehen. Aber wie ein roter Faden zieht sich durch diese zweitausendjährige Geschichte das Gottesbild dieses Joshua aus Nazareth, das er uns vermittelt hat. An seinem Leben und Sterben haben unzählige Menschen Orientierung gefunden (dies bedeutet letztlich der Satz "er ist für uns gestorben"). Irgendwo habe ich einmal den Satz gelesen: "Er lebte wie Gott und starb dafür; er war einer von uns". Durch die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 (Attentat auf Adolf Hitler) wissen wir Deutschen, dass einzelne Menschen, die ihr Leben für Wahrheit, Gerechtigkeit und Humanität gegeben haben, den nächsten Generationen Hoffnung und Lebensmut geben. Hieronymus Bosch malt in seinem berühmten Bild vom Übergang in die jenseitige Welt seine Visionen und Träume. Ob jemand mit dieser christlichen Tradition zu Recht kommt, ist seine ureigenste und persönliche Angelegenheit. Auch die Christen mussten es lernen - und sind immer noch dabei, dies zu tun -, dass es ganz unterschiedliche Lebenswege gibt. Aber verwurzeln muss sich jeder von uns, will er nicht wie ein Tier leben und verenden. Biologisch sind wir durch das über unsere Eltern geerbte Genom geprägt. Kulturell und existentiell sind wir in die Erfahrungen und Irrwege der vergangenen Generationen eingebunden, in deren Gedanken, Gefühle, Leiden und Hoffnungen. Der Kreuzweg meditiert (betrachtet) vordergründig den Leidensweg Jesu, der ihn zum Tod am Kreuz auf Golgatha führt. Aber die "Stationen" seines Kreuzweges erweisen sich bei genauerem Hinsehen als existentielle Schlüsselsituationen eines jeden Lebens. (gefunden) Hinter jedem Menschen Steht ein großes Geheimnis Seine Geschichte Sein Weg Seine Umwege Dieses Geheimnis zu ergründen Deines Meines Das Geheimnis des Lebens überhaupt Lohnt sich. (Margot Bickel) Fotos & Bilder zum Beitrag: Der Kreuzweg im Schlosspark zu Bendorf-Sayn Kommentiert von Dieter Kittlauß Aus der Foto-Sammlung W.Kutsche Erste Station: Jesus wird zum Tode verurteilt Hintergrund Alle vier Evangelien berichten, dass die j ü d i s c h e n S e l b s t v e r w a l t u n g s o r g a n e (Synhedrion, Hohepriester, Älteste, Schriftgelehrte) den gefangenen Jesus zu Pilatus führen ließen, dem römischen Statthalter, der wegen des bevorstehenden Osterfestes (Pascha) gerade in Jerusalem weilte. Dies wäre durchaus erklärbar, da die Todesstrafe nur die römische Besatzungsmacht verhängen durfte. Von hier aus wäre auch nach zu vollziehen, dass die Evangelienberichte die Vorwürfe gegen Jesus politisch begründen. Im Lukasevangelium heißt es: " Wir haben festgestellt, dass er unser Volk aufwiegelt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu zahlen; und dass er behauptet, er sei der Messiaskönig." (Lk 23,2) Manche Exegeten halten jedoch die von den Evangelien geschilderten Einzelheiten nicht als historisch, sondern als bildhafte Aussage für die Ablehnung Jesu in seinem Volk. Der Ablauf entspricht durchaus damaliger Praxis: Verhaftung durch die jüdische Tempelpolizei, Übergabe an die Römer wegen extremistischer Tätigkeit, Verurteilung, Auspeitschung, Gang zum Exekutionsplatz, Kreuzigung mit anderen Aufrührern, schnell einsetzender Tod. Alle Evangelien erhalten ihre Endfassung erst nach der Zerstörung Jerusalems und als der Bruch zwischen dem traditionellen Judentum und der noch kleinen Jesusbewegung schon ganz tief war. Von hier aus sind die antijüdischen Tendenzen in den Passionsgeschichten zu verstehen. Die Mehrheit der Christen lehnt heute diesen Antisemitismus als Irrweg ab. Der historische Pilatus war nach jüdischen Aussagen korrupt, grausam und starrsinnig. Er provozierte die Juden durch das Aufstellen kaiserlicher Standarten, entnahm dem Tempelschatz Gelder zum Äquaduktbau und ließ samaritische Pilger auf dem heiligen Berg Garizim überfallen und töten. Auf Verlangen der Juden abberufen, soll Pilatus unter Kaiser Caligula Selbstmord verübt haben oder unter Nero hingerichtet worden sein. Bild: Drei Personen werden gezeigt. Jesus ist überdimensional dargestellt, er ist die Hauptperson. Noch steht er am Anfang seines Leidensweges und doch trägt er schon die Palme des Sieges in der Hand. Er ist mit einem Mantel und einem Untergewand (Toga) bekleidet. Links wäscht sich Pilatus die Hände. Er hat dem Druck nachgegeben und Jesus verurteilt, aber er will sich die Hände nicht schmutzig machen. Links unten ein hoher Vertreter des Judentums. Er verweist auf den Hinrichtungsberg. Alle Personen schauen nach Osten (Ex oriente lux = aus dem Osten kommt das Heil). Deutung: Auch in unserer Zeit gibt es die Freiheitsberaubung ohne Rechtsgrundlage und unter Missachtung aller Menschenrechte. Es gibt auch immer noch die Todesstrafe. Nach Meldungen der Medien, sind im letzten Jahr in China mehr als 5000 Menschen exekutiert worden. "Jesus vor Pilatus" ist ein eindringliches Bild für die Unmenschlichkeit in der ganzen Menschheitsgeschichte. Die Händewaschung des Pilatus (Mt 27,24) erinnert an die vielen Handlanger und Schreibtischtäter. Das Schweigen Jesu (Mt 27,14) steht für das Verstummen der Opfer. Die Passionsgeschichten sind auch eine Warnung vor Unterdrückung im religiösen Gewand. Religion als "Weisung für ein geglücktes Leben" kann entarten zu Fanatismus, Blindheit und Überheblichkeit. Die Passionsgeschichten sind Hoffnungsgeschichten. Sie wollen Mut machen zum Leben in einer Welt, die nicht nur schön und friedlich ist. Zweite Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern Hintergrund: Die Kreuzigung war eine im Orient verbreitete Form der Todesstrafe für Schwer- verbrecher, Hochverräter und Aufrührer. Die Erfindung wird den Phöniziern zugeschrieben, mit deren Verbreitung nach Karthago gelangte sie zu den Römern. Die Anwendung in Persien erfolgte nur durch Festbinden, nicht durch Festnageln des Verurteilten. In der Folge wurde sie auch von den Griechen mit Alexander dem Großen übernommen. Im Assyrischen Reich wurde überwiegend gepfählt. Im Judentum galt das Aufhängen an Holz als von Gott verflucht (vergleiche 5. Buch Mose Kap. 21 Vers 23). Einige spätere jüdische Herrscher, die hellenistisch orientiert waren, wandten die Kreuzigung trotzdem an. Die ursprüngliche Form des Kreuzes entsprach dem Buchstaben "T", also einem Querbalken, dem eigentlichen Kreuzesbalken, der auf dem Pfahl, dem senkrechten Balken aufgesetzt wurde. Das lateinische Kreuz, wie wir es kennen, mit einem Längsbalken, der wesentlich länger ist als der Querbalken ist eine "Erfindung" von Künstlern späterer Epochen, die keine Kreuzigung mehr wirklich erlebt haben. Die Balken waren roh oder nur grob behauen, jedenfalls waren es nicht so wunderschön zimmermannsmäßig behauene oder sogar gehobelte Pfosten, die sich eingekerbt in einer Ebene kreuzen. Möglich wäre auch die Kreuzigung an einem Pfahl. Nach dem ursprünglichen Text im Johannesevangelium (Joh.19, 25) wurde Jesus an einen Stauros (sprich: stauró) gehängt. Im Griechischen bedeutet dies Pfahl, Mast oder Kreuz. In Apostelgeschichte 5,30 wird das Hinrichtungswerkzeug mit xýlon wiedergegeben und das bedeutet im Griechischen Holz, Stab, Baum. Weil Xýlon nicht die Bedeutung von zwei Hölzern hat, wird es in einigen Bibel- Übersetzungen auch wörtlich mit Pfahl oder Baum wiedergegeben.( Text nach Wikipedia) Bild: Für den Künstler ist es wichtig auszudrücken, dass Jesus die Kreuzigung auf sich nimmt. Er lässt Jesus mit ausgebreiteten Händen das Kreuz begrüßen. Der Scherge geht mit dem Kreuz auf Jesus zu. Das Kreuz ist stilisiert (wie ausgesägt). Die Szene ist außerhalb der Stadtmauer, das Tor ist geschlossen, es gibt kein zurück. Deutung: Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Jahre 1933 übernahm der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer die Betreuung der deutschen evangelischen Gemeinde in London - Sydenham. 1935 kehrte er jedoch nach Deutschland zurück und übernahm die Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche, obwohl er auf der schwarzen Liste der Gestapo stand. Nach dem Entzug der Lehrerlaubnis für Hochschulen kann Bonhoeffer nur noch im Untergrund lehren. 1939 wird er zu einer Vortragsreise in die USA eingeladen. Seine Freunde raten ihm, in den USA zu bleiben. Obwohl Bonhoeffer um die Gefahr weiß, denn in Deutschland wütet der Terror flächendeckend, geht er nach Deutschland zurück, um "im Angesicht des Todes" seine Schwestern und Brüder nicht im Stich zu lassen. Es gibt Situationen, wo ein Mensch sein Leben nur voll leben kann, wenn er die Bereitschaft hat, es zu verlieren. Dies gilt auch für jede Schwangere und jeden Feuerwehrmann. Dritte Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz Hintergrund: Nur im Johannesevangelium wird das Tragen des Kreuzes erwähnt: "Und er trug selbst sein Kreuz" (Joh. 19,17). Die Formulierung "sein Kreuz" ist eher eine allgemeine theologische Aussage, den im Matthäusevangelium finden wir den Satz: "Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt……" (Mat.10,38). Das Fallen Jesu unter dem Kreuz hat einen ganz tiefen Sinn, um sowohl die Schrecken der Kreuzigung wie die Kraft Jesu deutlich zu machen. Bild: Das Bild wird von zwei Personen bestimmt. Der Soldat in Rüstung ist der Aktive. Er schlägt mit dem Stock und zerrt am Strick - beides allgemeine Ausdrucksmittel für Gewalt. Jesus ist unter dem Kreuz zu Boden gestürzt. In der antiken Welt ist dies die sog. Proskynesis - Haltung: Der unterworfene macht sich klein. Hier: Jesus beugt sich vor dem auferlegten Schicksal. Aber das Kreuz hält er fest in beiden Händen. Jesus strahlt Würde aus. Deutung: In unserer Sprache hat "fallen" eine negative Grundbedeutung: gefallenes Mädchen, gefallener Soldat, ein alter Mensch ist gefallen, Hochmut kommt vor dem Fall. "Fallen" heißt im tiefsten "versagen". Das alles schwingt auch bei dieser Station mit. Aber es gibt noch eine andere und vielleicht wichtigere Botschaft: Ich darf weitermachen Ich darf Fehler machen. Ich darf schwach sein. Ich muss nicht immer der Sieger sein Mit der Herausforderung kommt auch die Kraft. Vierte Station: Jesus begegnet seiner Mutter Hintergrund: In der antiken Literatur war es üblich, wie schon vorher erklärt wurde, der Biografie eines bedeutenden Menschen eine eigene K i n d h e i t s g e s c h i c h t e vorzuschalten. Hörer und Leser sollten spüren, dass mit diesem Menschen, von dem hier erzählt wird, von Anfang an etwas Besonderes war. Dabei griff man gerne auf wundersame Geschichten zurück und hatte auch keine Probleme, die Historie völlig umzugestalten. So fügt der Autor des Matthäusevangeliums in die von ihm gestaltete Kindheitsgeschichte die wundersame Flucht nach Ägypten ein und gibt auch selbst die Deutung: In der Person Jesus hat sich der Satz aus der prophetischen Hosea - Überlieferung "Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen" erfüllt. Der damalige bibelkundige Hörer verstand das: Jesus ist der Retter seines Volkes, von dem schon die Propheten gesprochen haben. Deshalb haben wir im Matthäus- und im Lukasevangelium die wunderbaren Kindheitsgeschichten, die sicherlich zur Weltliteratur gehören, erfahren aber wenig Genaues über die Kindheit und Jugend Jesu, statt dessen jedoch geballte theologische Aussagen: seinen Glauben, sein Gottesbild, seine Hoffnung, seine Interpretation von Leben, seine Werteskala, seine vielen Wegweisungen. Von Jesu Familie
wissen wir nicht viel, sicher aber den Namen seiner Mutter. Im Lukasevangelium heißt es: "der Name der jungen Frau war Mirjam.". Mirjam oder Maria, wie wir es in der lateinischen Übersetzung sagen, war die Mutter Jesu. Bild: Jesus und seine Mutter füllen das Bild aus. Jesus hebt die Hand. Will er seine Mutter grüßen? Oder will er sie beiseite schieben? Oder ist es bereits eine Andeutung auf die späteren Christusdarstellungen, wo der Kyrios feierlich die Hand hebt? Jedenfalls verlangsamt Jesus seinen Schritt nicht. Es ist fast so, als ob das massive Kreuz ihn voranschiebt. Man hat den Eindruck, dass Jesus seine Muter nicht anschaut. Auch in den letzten Stunden seines Lebens bleibt Jesus ganz der radikale Prophet, der sich durch Familienbindungen nicht beirren lässt. Seine Mutter trägt einen Ganzkörperschleier, nur das Gesicht und die rechte Hand ist frei. Sie hält die Hand an die Wange, stützt sich den Kopf, will Jesus entgegengehen und bleibt doch wie angewurzelt stehen. Deutung: Der bewegende Film "Rosenstraße" unter der Regie von Margarethe von Trotha erzählt die Geschichte von Frauen, die 1943 durch ihren Straßenprotest die Freilassung ihrer jüdischen Männer erzwingen. In Argentinien waren es die trauernden Frauen, die Gerechtigkeit forderten. In Russland sind es die schwarzen Witwen, die Aufklärung verlangen. Wenn man eine Tageszeitung aus dem Jahre 1943 aufschlägt, kann man seitenlang die Traueranzeigen der Mütter lesen, deren Söhne und Männer im Krieg getötet wurden. Es stimmt nicht, dass Frauen das schwache Geschlecht sind. Wenn es um Leben oder Sterben geht, sind sie die Starken. Fünfte Station: Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen Hintergrund In den synoptischen Evangelien wird Simon von Cyrene namentlich erwähnt. Die älteste Fassung finden wir bei Markus: "Und sie führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. Und sie zwangen einen Vorbeikommenden, Simon von Cyrene, der vom Felde kam, den Vater des Alexander und Rufus, sein Kreuz zu tragen." (MK 15,20 - 21). Es spricht dem literarischen Stil, dass bei der konkreten Namensnennung immer ein besonderes Interesse vorlag. Möglicherweise ist Simon von Cyrene mit seiner ganzen Familie Christ geworden und stand bei der jungen Jesusgruppe (= frühe christliche Kirche) im hohen Ansehen.. Im Römerbrief erwähnt Paulus einen Rufus: "Grüßt Rufus, der vom Herrn auserwählt ist; grüßt seine Mutter, die auch mir zur Mutter geworden ist." (Röm. 16,13). Auf die Frage, warum Simon nicht heiliggesprochen wurde, können wir nur spekulieren. Vielleicht wurde das "zwangen ihn" später als Makel empfunden. Cyrene dürfte mit der heutigen Stadt Kyrene in Lybien gleichzusetzen sein. Bild: Wenn wir uns das Bild sorgsam anschauen, können wir sehen, dass der Künstler einen Rollentausch vorgenommen hat. Simon hat das Kreuz übernommen und Jesus hält ihn. Jesus ist der Aktivere und Stärkere. Vielleicht sollen wir aber auch daran erinnert werden, dass Jesus unschuldig ist. Für einen Augenblick lässt ihn der Künstler aufrecht gehen. Deutung: In Grenzsituation sind es nicht immer die Freunde, die einem beistehen. Es gibt Freundschaft, die nur für die Sonnentage des Lebens gilt. Manchmal sind es eher ganz fremde Menschen, die sich für mich einsetzen, obwohl und gerade weil ich in großen Schwierigkeiten bin. Leider haben wir in Deutschland nicht so wie in Israel eine Allee der Gerechten. Aber heute sind wir stolz auf jeden Deutschen, der sich in der Schreckenszeit der faschistischen Barbarei selbstlos und meist auch unter Todesgefahr für andere Menschen eingesetzt hat: für Juden, Zigeuner, Behinderte, Gefangene und Zwangsarbeiter. Das Christentum hat einen tiefen humanistischen Ansatz, wie er z.B. im Gleichnis von barmherzigen Samariter sehr anschaulich dargestellt wird: Ein Samariter hilft einem Jerusalemer Juden, obwohl er diesen von seiner ganzen Erziehung her zutiefst verachtet. Unsere Sprache hat viele Worte für diesen Humanismus: Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Nachbarschaftshilfe, unter die Arme greifen, aufrichten, großzügig sein, vergessen können, Menschenrechte, Grundwerte …. Sechste Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch Hintergrund: Der Kreuzweg ist eine durchstilisierte Form. Den vier negativen Szenen (Kreuzesübernahme und das dreifache Fallen) stehen vier positive Szenen gegenüber: Maria, weinende Frauen, Simon von Cyrene, Veronika. Die geschichtlichen Hintergründe für die Veronika - Szene sind uns nicht bekannt. Aber in den apokryphen Evangelien und später in der Kunst spielt sie eine große Rolle und ist ein beliebtes Thema. Der Name Veronika dürfte sich von "Vera Icon" (= wahres Bild) ableiten. Aus der Veronikalegende entwickelte sich schon frühzeitig die "Schweißtuch - Legende". Im VI.. Jahrhundert wird in den apokryphen Berichten des Pilatus erzählt, dass Veronika das Tuch bewahrte und später nach Rom zog, um dieses dem heiligen Papst Klemens zu übergeben. Um 1300 war in Rom im Heiligen Jahr ein dünner Schleier zu sehen, auf dem ein Gesichtsausdruck auf beiden Seiten war, der von Haaren eingerahmt und mit Blut befleckt war und der auch eindeutig zu einem lebendigen Menschen mit geöffneten Augen gehörte. Die Spur der römischen Veronika, die in der ganzen christlichen Welt bekannt war, verlor sich nach dem Heiligen Jahr 1605, aber bereits nach 1500 tauchte ein Tuch auf, das als wieder gefundenes Scheißtuch der Veronika interpretiert und von den Kapuzinern verwahrt wurde. Bis heute ist es Gegenstand religiöser Verehrung in Manoppello, einer Stadt in den Abruzzen Bild: Jesus ist weiterhin unterwegs, mit der rechten Hand hält er das Kreuz fest, der Kopf ist gebeugt. Veronika wartet kniend auf ihn, um ihm vorsichtig das Gesicht abzuwischen. Deutung: Auch das Leiden der Gerechten hinterlässt Spuren. In Yad Vashem sind es die endlosen Namenslisten. In Kambodscha sind es die Berge der Schädel von Millionen Erschlagenen und Erschossenen. In der Kunst sind es Bilder und Denkmäler, die das Grauen festhalten.Unsere Generation hat die Möglichkeit der filmischen Restauration. Die Filme über die Weltkriege, die Vertreibung, das faschistische Terrorsystem und die Täter mit ihrem Umfeld häufen sich und stoßen auf ein großes Interesse. Manchen Menschen ist das erlittene Leid ins Gesicht geschrieben. Siebte Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz Hintergrund: Die Bibel liebt die Dramatisierung, ein Stilmittel ist die Wiederholung. Das zweite Hinfallen ist gefährlicher und schlimmer als das erste. Bild: Der Künstler benutzt das Mittel der Steigerung. Beim ersten Fallen ist das Bild noch relativ ruhig, jetzt ist es voller Dramatik. Nun sind vier Personen im Bild. Während Jesus wie ohnmächtig am Boden und halb auf dem Kreuz liegt, sind die anderen drei Personen in Aktion: Ein Vertreter des Tempels macht eine Geste zum Weitergehen. Der eine Büttel (jetzt sind es keine Soldaten, denn sie haben keine Uniform) zerrt Jesus hoch, der andere stemmt das Kreuz hoch. Der Tempel ist im Hintergrund zu sehen, von dunklen Wolken umhüllt. Deutung: Die Justiz kennt das Wort "Wiederholungstäter" und in der Medizin wird der zweite Herzinfarkt oder Schlaganfall als lebensbedrohliche Wiederholung eingestuft. Der zweite Fall führt uns an die Grenze des Lebens. Nicht selten sehen wir in solchen Situationen keinen Ausweg. Mit jedem Schicksalsschlag schwindet die Kraft und wird die Hoffnung schwächer. Achte Station: Jesus tröstet die weinenden Frauen Hintergrund: In der Leidensgeschichte des Lukasevangeliums wird erzählt: "Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder. Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns! Und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das Mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?" (Lk 23,27-31). Es entspricht der Konzeption des Lukasevangeliums, Jesus auch in dieser auswegslosen Situation souverän zu zeigen, er bleibt Richter und Prophet über sein Volk. In der achten Kreuzwegstation wird der Akzent anders gesetzt: Jesus ist äußerlich schwach - innerlich aber stark, er verliert andere nicht aus dem Blick, er kann auch jetzt noch aufrichten und trösten. Bild: Aufrecht und segnend geht Jesus an den Frauen vorbei. Das Kreuz scheint das Gewicht verloren zu haben. Die beiden Frauen sind dagegen erstarrt. Deutung: Der polnische Franziskaner Maximilian Kolbe wurde im Februar 1941 verhaftet und nach Auschwitz gebracht. Im Juli 1941 wurden bei einem Appell vor dem KZ-Kommandanten Fritsch zehn Männer ausgesondert, die als Strafaktion wegen der Flucht eines Gefangenen in den Hungerbunker eingeschlossen werden sollten. Einer der Ausgesonderten, Franz Gajowniczek, schrie laut auf und erinnerte unter Tränen an seine beiden Söhne; der am Appell teilnehmende Kolbe trat hervor und bot sein Leben für das des Familienvaters, was Fritsch akzeptierte. Kolbe wurde also mit den anderen in den Hungerbunker gesteckt, tagelang habe man sie singen und beten gehört. Nachdem die anderen neun Leidensgenossen schon gestorben waren, gab Kolbe noch Lebenszeichen von sich, deshalb verabreichte ihm der Lagerhenker schließlich eine Giftspritze, was den endgültigen Tod bedeutete. War Kolbe schwach oder stark? Nicht selten wurden Menschen zu Lebzeiten gekreuzigt und mit Dreck beworfen und später auf die Altäre gehoben. Sie waren die eigentlich Starken. Neunte Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz Hintergrund: Alle vier Evangelisten bringen innerhalb der Leidensgeschichte die Szene vom krähenden Hahn. Die Fassung bei Markus dürfte das dahinterliegende Geschehen am ehesten wiedergeben: Petrus war im Hof, während Jesus von Vertretern des Hohen Rates, der jüdischen Selbstverwaltung, verhört wurde. Er wärmte sich an einem Feuer. Eine Magd erkennt ihn und spricht dies zweimal aus. "Und nach einer kleinen Weile sagten die Umstehenden noch einmal zu Petrus: Du gehörst wirklich zu ihnen. Du bist ja auch ein Galliläer. Da fing er an sich selbst zu verwünschen und zu schwören: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. Und sogleich krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da erinnerte sich Petrus an das Wort, wie Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen." (Mk. 14,70 - 72) Die fromme Überlieferung lässt Petrus dreimal leugnen und Jesus dreimal unter dem Kreuz fallen. Es ist eine theologische Aussage: Zwischen der erlebten Grausamkeit und dem menschlichen Handeln anderer besteht ein direkter Zusammenhang. Bild: Der Künstler gibt die Dramatik wieder. Beim ersten Fall sind zwei Personen beteiligt; beim zweiten Fall sind es drei Personen, jetzt aber sind es vier. Jesus liegt niedergestreckt am Boden. Die Büttel zerren Jesus an den Stricken, der Soldat schlägt mit seiner Keule und der Ratsvertreter hebt höhnisch den Finger hoch. Als Hintergrund ist nur die Mauer zu sehen. Deutung: In Mythen und Märchen hat die Zahl Drei eine herausragende Bedeutung. Drei Aufgaben haben die Heldinnen und Helden zu erfüllen, die zumeist unlösbar scheinen. Dreimal muss die Königstochter Stroh zu Gold spinnen und drei Tage gibt ihr Rumpelstilzchen Zeit, seinen wahren Namen zu erraten. Über drei Berge muss gewandert werden, oft in der Begegnung mit dreiköpfigen Drachen und Schlangen. Auf diesem mythologischen Hintergrund wurden die drei Stürze des Kreuzträgers Jesus als die letzten drei Bewährungen verstanden. Obwohl die Volksfrömmigkeit oft das Leiden und Mitfühlen in den Vordergrund stellte, liegt der tiefste Sinn dieses Bildes ( =Jesus fällt in die Knie und zu Boden) im dreifachen Aufstehen und Weitergehen. In eigentlich völlig aussichtsloser Lage dennoch weiter leben, das ist die Botschaft dieser drei Kreuzwegstationen. Die Frage "Wer ist schuld daran?" hat keine existentielle Bedeutung, entscheidend allein ist das eigene Aufstehen und Weitergehen. Eine amerikanische Soziologin hat ein Buch mit dem Titel "Rache ist süß" geschrieben. Mit ihren Studierenden hat sie viele Formen der persönlichen Rachegefühle untersucht. Am Schluss kommt sie zu der Folgerung: Die beste Rache ist es immer, wenn trotz des Erlittenen das eigene Weiterleben gelingt. Zehnte Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt Hintergrund: Nach den Evangelien wird Jesus zweimal ausgezogen. Im Markusevangelium wird geschildert, dass die römischen Soldaten im Amtssitz des Pilatus Jesus verspotteten, indem sie ihn auszogen, einen alten roten Mantel umhängten und ihm einen Kranz aus Dornenreisig auf den Kopf drückten. "Sie schlugen ihn mit einem Rohr aufs Haupt, spukten ihn an, beugten die Knie vor ihm und huldigten ihm. Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel wieder aus und seine eigenen Kleider an." (Mk15,19 - 20) Rohe Soldaten - Späße. Später heißt es kurz und knapp: "Und sie kreuzigten ihn und verteilten seine Kleider, indem sie das Los darüber warfen, was jeder bekommen sollte." (Mk15,27) Hier geht es aber dem Evangelisten nicht um einen historischen Bericht, sondern er zitiert aus dem Psalm 22, um damit den kundigen Leser darauf hinzuweisen, dass hier die alten Prophezeiungen erfüllt worden sind. Auch Johannes geht es mit seiner Passage über die vier Teile und den einen Rock, den die Soldaten nicht zerteilen, um diese theologische Aussage (Joh. 19, 23 ff). Wir sind es gewöhnt, dass der Schmerzensmann mit einem Lendentuch dargestellt ist . Es dürfte aber sicher sein, dass Jesus gänzlich nackt war. Bereits ab 5. Jahrhundert wurde der nackte Körper als schamlos empfunden, auch wollte man nicht wahrhaben, dass Jesus als Jude beschnitten war. Deshalb wurden oft Bilder nachträglich mit einem Lendenschurz versehen. Auf manchen Bildern legt Maria ihren Schleier um Jesus, um seine Genitalien zu verhüllen. Unter den sog. Heiligtümern im Aaachener Münster ist auch das Lendentuch Jesu zu sehen. Man darf diese religiösen Bräuche allerdings nicht magisch verstehen. Bild: Das Bild ist völlig symmetrisch aufgebaut. In der Mitte steht Jesus in völlig passiver Haltung. Er ist wie erstarrt. Dagegen sind die beiden Büttel aktiv, indem sie ihm die Kleidung vom Körper zerren. Das Kreuz liegt dahinter bereit. Sie Szene ist außerhalb der Stadt. "Schädelstätte" heißt ja der Ort. Deutung: Wenn Menschen in ihrer Ohnmacht nackt ausgezogen werden, will man ihnen ihre letzte Würde rauben. Dies gilt auch heute. Bei den Massenerschießungen durch die Säuberungskommandos der SS in Ostpolen und Russland wurden alle gezwungen, sich auszuziehen, bevor sie durch Genickschuss oder mit Maschinengewehr erschossen und in die Grube geworfen wurden. Vor den Gaskammern der Konzentrationslager mussten sich Männer und Frauen ausziehen. Die Männer des 10. Juli 1944 wurden mit nacktem Oberkörper erhängt und während sie langsam starben, zogen ihnen die Henker die Hosen herunter. Durch die Bilder des Kreuzweges werden wir erinnert, dass auch heute massenweise Menschen ihrer Würde beraubt werden. Elfte Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt Hintergrund: Über die Einzelheiten der Kreuzigung wurde in der Erläuterung zur zweiten Station berichtet. Hier noch einige Ergänzungen: Die Kreuzigung war eine besonders grausame Hinrichtung, weil der Exekutierte nicht sofort oder schnell gestorben ist, sondern lange gelitten hat. Unter anderem trieb man die Nägel nicht durch die Stellen am Handgelenk, wo sich die Pulsadern befinden, sondern weiter außen, wodurch es zu fast keinem Blutverlust kam. Gerade das möglichst lange Überleben der zum Tode Verurteilten sollte eine abschreckende Wirkung haben. Dieses Überleben erreichte man auch dadurch, dass am senkrechten Kreuzbalken in der Höhe des Gesäßes ein kleines Brettchen, Sedile genannt, befestigt wurde. Ebenso wurde teilweise ein Brettchen für die Füße (Suppedaneum) befestigt. So konnte der Todeskandidat seine Arme, die am Querbalken befestigt waren, entlasten, was ihm wiederum das Atmen erleichterte. Der senkrechte Balken war normalerweise schon fest in der Erde verankert, oder es wurde dafür ein etwas höherer Baum verwendet. Die eigentliche Kreuzigung bestand aus dem Festbinden und/oder Festnageln der Arme am Querbalken. Wurde nur genagelt, so musste der Nagel zwingend zwischen Elle und Speiche platziert werden, da eine Nagelung in der Handfläche - wie wir sie von den üblichen Jesusdarstellungen kennen - die Last des Körpers nicht ausgehalten hätte und ausgerissen wäre. Wenn allerdings der Halt vorwiegend durch das Festbinden der Handgelenke erreicht wird, so ist eine zusätzliche Nagelung in der Handfläche durchaus vorstellbar, im Sinne eines zusätzlichen Schmerzreizes beim Bewegen der Hände. Bild: Routinemäßig schlägt ein Büttel den Nagel durch die Hand, der andere bereitet das Schild vor. Jesus liegt auf dem Kreuz, stützt sich noch mit dem rechten Fuß ab. Das Tuch über dem rechten Arm ist Symbol für den bevorstehenden Tod. Bei dem Betrachten des Bildes kann man den Eindruck einer tiefen Stille gewinnen. Daher steht vielleicht die Textüberlieferung der synoptischen Tradition: " Und von der sechsten Stunde an trat eine Finsternis ein über das ganze Land hin bis zur neunten Stunde." (Mk 15,33). Deutung: Das Warten auf den Tod gehört zum Leben eines jeden Menschen, wobei es viele Arten des Sterbens gibt. Es gibt Patienten, die jahrelang im Bett liegen, ohne sich rühren zu können. Bei einem tödlichen Verkehrsunfall geschieht die Begegnung mit dem Tod nach unserem Zeitempfinden im Bruchteil von Sekunden. Im Krieg warten Menschen im Keller oder im Schützengraben stundenlang auf den Tod. Von manchen Menschen sagen wir, sie seien lebendig begraben. Es gibt Widerstand gegen den Tod bis zum letzten Atemzug, es gibt aber auch die Einwilligung in das Ende des Lebens und das friedliche Ausatmen. In einem mittelalterlichen Lied heißt es: "Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen". Zwölfte Station: Jesus stirbt am Kreuz Hintergrund: Der Tod des Gekreuzigten trat im Allgemeinen - bei nicht schon vorher geschwächten Menschen - nach einigen Tagen durch inneres Ersticken bzw. durch Kreislaufkollaps ein. Dies wurde bedingt durch das fast regungslose Verharren am Kreuz und die Stellung der Arme. In der frühen Kirche gehörten bald viele Szenen zum Traditionsgut. Im Einzelnen lässt sich nicht mehr ausmachen, wo und ob es einen historischen Kern gibt. Aber diese Bilder haben sich tief in unser kollektives Bewusstsein eingegraben und sind beliebte Themen in der Kunst: die beiden Verbrecher zur Linken und zur Rechten, das Reichen von schmerzmildernden Flüssigkeiten mit einem Schwamm, die Tafel, die Pilatus anbringen ließ, der Spott der Vorübergehenden und der politischen Mandatsträger, die verzeihenden Worte Jesu, die Finsternis nach der sechsten Stunde, der Riss des Tempelvorhangs, Jesu letzte Worte und sein Schrei, das Erstaunen des Hauptmanns, die neunte Stunde. Die Tafel wurde titulus genannt. Sie diente zur Abschreckung für alle, die an der Richtstätte vorbeikommen; auf ihr wurden der Name des Verbrechers und sein Vergehen genannt. Im Falle von Jesus war es das als Abkürzung berühmt gewordene INRI : Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum = Jesus von Nazaret, König der Juden. Aus römischer Sicht wurde Jesus als Terrorist hingerichtet. Nach dem Johannesevangelium war der Text auch in griechisch und in hebräisch zu lesen (Joh. 19,20).. Bild: argestellt ist die sog. Kleine Kreuzigungsgruppe: Jesus am Kreuz, links von ihm seine Mutter, rechts der Jünger Johannes. In der Gruppe ist kein Leben. Die Zeit steht still. Deutung: Die Existenzphilosophie hat die Formulierung geprägt: " Wir sind in das Leben geworfen worden". Gemeint ist die Tatsache, dass sich unsere Existenz in vielen Dingen unabhängig von unserem Willen vollziehen und uns einfach zugemutet werden: Geschlecht, Gesundheit, Zeit, Umfeld, Lebensverlauf, Dauer des Lebens; dazu gehört auch der Tod. Wir wissen nicht, was der Tod für jeden einzelnen von uns bedeutet. Aber es gibt viele Bilder, Vorstellungen, Ängste und Hoffnungen. Für alle Religionen ist die Deutung des Todes ein zentrales Anliegen. Und das kleine Kind fragt: "Wo ist jetzt der Opa?". Das klassische Judentum kannte noch nicht den Glauben an das ewige Leben. Der Tod war das Ende des Lebens, dahinter konnte es höchstens ein schwaches Zerrbild (Schattenwelt) geben. Glücklich der Mensch, dem ein langes Leben geschenkt wird und der dann wie Mose stirbt: "Mose war hundertzwanzig Jahre alt, als er starb. Sein Auge war noch nicht getrübt, seine Frische war noch nicht geschwunden."(Deuteronomium 34,7). In hellenistischer Zeit wuchs der Glaube an die Auferstehung. Doch darüber bei der 15. Station. Dreizehnte Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen Hintergrund: Für alle vier Evangelien ist die Kreuzesabnahme wichtig. Mit unterschiedlicher Intention werden die Erinnerungen in das Gesamtkonzept des jeweiligen Evangeliums eingearbeitet. Markus berichtet es so: Am Abend vor dem Shabbat ging der Ratsherr Joseph von Arimathäa zu Pilatus und bat um die Genehmigung, den Leichnam Jesu vom Kreuz abnehmen zu können. Pilatus vergewisserte sich, dass Jesus tatsächlich tot sei, und gab die Genehmigung. Joseph kaufte Leinentücher, ließ den Leichnam vom Kreuz abnehmen, in die Tücher hüllen und in einem Felsengrab bestatten. Zwei Frauen aus der Jesusgemeinde waren dabei: Maria aus Magdala und eine andere Maria, die Mutter eines gewissen Joses. Markus schildert eine typisch jüdische Beerdigung der damaligen Zeit. Joseph von Arimathäa war wahrscheinlich in der frühen Kirche eine sehr angesehene Persönlichkeit, deshalb ist es wichtig, ihn zu erwähnen. Er ist gewissermaßen ein authentischer Zeuge für den Tod Jesu. Die frühe Kirche hatte wie Jesus eine völlige innere und äußere Freiheit im Umgang mit Frauen. Bei der Kreuzesszene hatte Markus schon berichtet: "Frauen …., die ihm, als er noch in Galiläa war, nachgefolgt waren und ihn bedient hatten, und viele andere, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren." (Mk 15,41) So sind die Frauen auch jetzt als Zeuginnen wichtig. Die spätere Überlieferung fügt die anderen Frauen dazu. Besonders wichtig ist Maria, die Mutter Jesu, die im Johannesevangelium beim Kreuz eigens genannt wird: "Es standen aber beim Kreuz Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena." (Joh 19,25 ). In der christlichen Kunst entstand so das Bild der Pieta: die Schmerzensmutter mit dem Leichnam Jesu auf dem Schoß. Auch Maria aus Magdala (= Maria Magdalena) spielt in der frühen Kirche eine große Rolle. Wie ihre Beziehung zu dem lebenden Jesus war, lässt sich nur spekulieren. Bild: Für den Künstler sind nur die Frauen wichtig. Die anderen sind nur Helfer - hier durch die Leiter symbolisiert. In der Mitte die Schmerzensmutter Maria, rechts Maria mit den Pflegemitteln, links Maria aus Magdala, versunken im Schmerz. Deutung Die Zeit zwischen Tod und Beerdigung dient der Vorbereitung der Bestattung bzw. Urnenbeisetzung, wichtiger aber als Zeit für Trauer und Abschied. Jeder Mensch trauert anders, dazu kommen die unterschiedlichen Bräuche. In südlichen Ländern erfolgt die Bestattung wegen der Verwesungsgefahr möglichst rasch. In traditionellen Gegenden nehmen Nachbarschaft und soziales Umfeld Anteil. Je nach Tod werden Trauer und Klage anders sein. Die dreizehnte Kreuzwegstation erinnert uns an daran: Der Tod macht uns Menschen wieder zu einer Schicksalsgemeinschaft, die Überwindung von Feindschaften und Zwistigkeiten erhält eine Chance, wir können Beziehungen neu lernen. Vierzehnte Station: Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt Hintergrund: Im Johannesevangelium wird mit Nikodemus noch eine andere Person erwähnt: "Es kam aber auch Nikodemus, der einstmals des Nachts zu ihm gekommen war, und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, an hundert Pfund. Sie nahmen nun den Leichnam Jesu und wickelten ihn samt den Spezereien in leinene Tücher, wie es bei den Juden Begräbnissitte ist. Es befand sich aber an dem Platz, wo er gekreuzigt worden war, ein Garten und in dem Garten ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war. Dort nun bestatteten sie Jesus, wegen des Rüsttages der Juden, weil das Grab in der Nähe war." (Joh, 19, 39 - 42) Die Endfassung des Johannesevangeliums dürfte etwas 60 - 70 Jahre nach dem Jesus - Geschehen liegen. Jerusalem ist bereits zerstört. Deshalb muss Johannes vieles erklären. Besonders im Johannesevangelium hat vieles einen tieferen - hinteren Sinn, z.B. das Bild vom Garten. Der damalige gläubige Leser erinnerte sich sofort an den Garten des Paradieses. Kurz vorher war bei der sog. Ölbergszene der Ort ausdrücklich als "Garten" bezeichnet worden. Für die Tradition des Johannesevangeliums ist der Garten ein Symbol für die besondere Gegenwart Gottes. Bild: Der Künstler schafft eine Abschlusskomposition: Acht Personen werden dargestellt: der tote Jesus, vier Frauen, Nikodemus und Joseph von Arimathäa sowie der Lieblingsjünger ("Einer von seinen Jüngern lag an der Brust Jesu, der, den Jesus lieb hatte." (Abendmahlsbericht Joh. 13,23). Durch das Ornament in der oberen Bildhälfte konzentriert sich das ganze Geschehen auf den toten Jesus. Deutung: Aus dem Fernsehen kennen wir Bestattungen, die nur Bilder von Rache und Hass vermitteln. Menschen schreien nach mehr Tod, nach mehr Blut, fordern Vergeltung. Doch bei allem Verständnis für erlebtes Unrecht wird hier doch der Tod pervertiert. Tod heißt Abschied für immer und Besinnung, dass wir alle sterbliche Menschen sind. Ein anderer Gedanke. Die Shoa, also die industriemäßige Massenvernichtung bestimmter Menschengruppen, war für den gläubigen Juden ein doppelter Tod, als die Asche einfach irgendwo vergraben oder versenkt wurde und es so für die späteren Generationen keinen Ort der Erinnerung gab. Die letzte Station des Kreuzwegs weist auf die Würde des Todes hin. Fünfzehnte Station: Jesus ist von den Toten auferstanden Hintergrund: Das Markusevangelium hört in seiner ursprünglichen Fassung sehr abrupt auf. Drei Frauen, namentlich benannt, kaufen nach Beendigung des Shabbats (also am Samstag nach S o n n e n u n t e r g a n g ) Pflegemittel und gehen am Sonntag früh nach Sonnenaufgang zum Grab. Sie wollen, wie es jüdischer Brauch ist, den Leichnam nochmals waschen und mit verschiedenen Spezereien einreiben. Sie sind wegen des Verschlusssteines besorgt, doch ihre Sorge ist unberechtigt, das Grab ist offen. Ein junger Mann in einfachem Leinenhemd sitzt rechts neben dem Grab. "Er aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Hier ist der Platz, wo sie ihn hingelegt hatten. Aber geht hin und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Da verließen sie in fluchtartiger Eile das Grab; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie erfasst. Uns sie erzählten niemand etwas; denn sie fürchteten sich." ( Mk 16, 6 - 8). Markus gebraucht hier die alttestamentliche Gottesformel: "Fürchtet euch nicht". Es gibt viele Spekulationen, ob vielleicht der eigentliche Schluss des Markusevangeliums verloren gegangen sei. Hier ist nicht der Raum, diesen Fragen nachzugehen. Fest steht. Die Auferstehung Jesu wird in den Evangelien nicht direkt beschrieben - ganz im Unterschied zu Geburt und Sterben. Unzweifelhaft ist aber auch, dass die junge Jesusbewegung von Anfang an fest davon überzeugt ist, dass Jesus lebt. In den ganz unterschiedlichen Ostergeschichten geht es immer nur um diesen einen Satz: "Der Herr lebt". Bild: Jesus schaut aufrecht in die Welt. Er hält das Kreuz wie ein Feldzeichen in der rechten Hand und hebt die linke Hand zum Gruß. Bei der Fahne könnte man an den Lendenschurz denken. Im Hintergrund das Grab mit dem abgeklappten Deckel. Deutung: "Zwei Seelen leben in meiner Brust", sagte Johann Wolfgang von Goethe, der Weimarer Dichterfürst. Auf die 15. Kreuzwegstation angewandt: Geht es hier um hoffende Zuversicht oder um eine schöne Illusion? Das Sprichwort sagt: "Keiner ist zurückgekehrt". Auch die Nahtod-Forschung unserer Zeit führt uns nur an die Grenze des Lebens, nicht aber darüber hinaus. Der christliche Auferstehungsglaube steht keineswegs einsam da. Neben den religiösen Vorstellungen von der Wiedergeburt gibt es die Heimkehr zu den Ahnen in den Naturreligionen. Für manche religiösen Vorstellungen bildet der gesamte Kosmos eine Einheit, aus dem alles hervorgeht und der alles wieder in sich aufnimmt. Der tschechische Dichter Milan Kundera beschreibt in seinem Buch "Unsterblichkeit" die Sehnsucht des Menschen, "eine sichtbare Spur" zu hinterlassen, durch Kinder, durch Bücher, durch Bauten oder durch das eigene Heldentum. Demgegenüber steht der unerbittliche Satz von Bert Brecht: "Lasst euch nicht verführen! Es gibt keine Wiederkehr. Der Tag steht in den Türen; ihr könnt' schon Nachtwind spüren, es kommt kein Morgen mehr." Für den christlichen Auferstehungsglauben ist der Tod ein Übergang in die Ewigkeit Gottes. alles Diesseits wird zum Jenseits und kommt dadurch zu seiner eigenen Bestimmung und Vollendung. Deshalb ist das jetzige Leben so wichtig und doch erst der Anfang. Weil wir im Diesseits in den Kategorien von Raum und Zeit verhaftet sind, fehlt uns die "Antenne" für die vollendete Welt. Erst nach unserem Tod öffnen sich die Türen. Die Geschichten und Bilder von Ostern veranschaulichen diese Interpretation von Leben und Sterben. Am Schicksal Jesu wird unser eigenes Schicksal deutlich. Doch ich habe Respekt vor allen Menschen mit anderer Sicht. Wir werden es sehen. Vor Jahren war in Rotterdam die große Ausstellung der meisten Bilder des großen niederländischen Malers Hiernonymus Bosch . Hier war auch sein berühmtes Bild zu sehen, wo die Seelen von Engeln in die Welt des Lichtes geführt werden. Tausende von Menschen fühlten standen vor diesem Bild und fühlten sich zutiefst angerührt. Der Kreuzweg meditiert (betrachtet) vordergründig den Leidensweg Jesu, der ihn zum Tod am Kreuz auf Golgatha führt. Aber die "Stationen" seines Kreuzweges erweisen sich bei genauerem Hinsehen als existentielle Schlüsselsituationen eines jeden Lebens. (gefunden)
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© 2019 GGH-Gesellschaft für Geschichte und Heimatkunde von Bendorf und Umgebung e.V.
Die Stationen des Kreuzweges: Biblisch überlieferte Stationen Apokryph (außerbiblisch) überlieferte Stationen 1 Jesus wurde durch Pilatus zum Tode verurteilt 2 Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern 5 Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen 3 Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz 8 Jesus tröstet die weinenden Frauen 4 Jesus begegnet seiner Mutter 10 Jesus wird seiner Kleider beraubt 6 Veronika reicht Jesus das Schweißtuch 11 Jesus wird ans Kreuz genagelt 7 Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz 12 Jesus stirbt am Kreuz 9 Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz 13 Jesus wird vom Kreuz abgenommen 14 Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt 15 Jesus ist von den Toten auferstanden