Gestern & Heute
Mülhofen
von Werner Kutsche Eine Quizfrage: "Kennen Sie eine Gemeinde, die seit Jahrhunderten - bis heute - keine eigene Gemarkung (Flur, oder Feldmark) hat"? Hier ist des Rätsels Lösung: Es ist der heutige Bendorfer Stadtteil Mülhofen. Mülhofen - so der Name des Wohnplatzes - ist im Laufe der Jahre auf der Gemarkung des heutigen Bendorfer Stadtteils Sayn entstanden. Die Anfänge Mülhofens liegen über Jahrhunderte im Dunkel. Eine, wie auch immer geartete Gründungs- geschichte ist nicht überliefert. Unser heutiges Mülhofen dürfte sich aber aus einer Ansammlung von Mühlen entwickelt haben. Ich sage hier ausdrücklich - heutiges, denn der gesamte hochwasserfreie Bereich der Ebene des Koblenz-Neuwieder-Beckens war seit der frühesten Vorgeschichte bevorzugter Siedlungsgrund. Siedlungsspuren aus der Steinzeit bis heute belegen dauernden Aufenthalt von Menschen in unserem Gebiet. Besonders günstige klimatische Bedingungen und für die Landwirtschaft geeignete leichte Böden, sowie die, für die notwendige Wasserversorgung der Siedlungen, wasserreichen Bäche des vorderen Westerwaldes gaben ein in dieser Form nur an wenigen Stellen in Deutschland vorzufindendes günstiges Siedlungs- land. Dort wo die aus den Mittelgebirgen - Eifel und Westerwald - kommenden Bäche durch die Ebene dem Rhein zueilten war der bevorzugte Siedlungsplatz. So finden wir z.B. am Unterlauf des Saynbachs, auf der linken Seite, die den römischen Kastellen in Bendorf zuzuordnende römische Lagerstadt. Auf der anderen Seite; also der rechten, Spuren vergangener Siedlungen aller Epochen der Frühgeschichte. Kelten, Römer, Germanen, Alemannen und Franken haben in "unserer"- oder besser; "Ihrer"- Heimaterde ihre Toten begraben. Die Museen Deutschlands und auch etliche ausländische sind gefüllt mit ihren Grabbeigaben die man im Gebiet des heutigen Mülhofens gefunden hat. Menschlicher Unverstand und Habgier haben es aber soweit gebracht, daß von hunderten, ja vielleicht tausenden Gräbern der Frühzeit keines mehr vorhanden ist und nur einige wenige im Rahmen einer Notgrabung wissenschaftlich erforscht wurden. Um zu verstehen, wie so etwas möglich war, muß man die Hintergründe etwas näher beleuchten. Bei einem Ausbruch des Laacher-See Vulkans vor etwa 12.000 Jahren wurde unsere Gegend, besonders aber das Koblenz-Neuwieder-Becken und die vordere Osteifel, genannt Pellenz, mit einer bis zu 7 m hohen Vulkan-Asche Schicht; dem Bims, bedeckt. Dieser Bims, mit einer dünnen Humusschicht bedeckt bildete, dank seines hohen Mineralstoffanteils, bis in die Neuzeit hinein, die Grundlage für eine ertragreiche Landwirtschaft. Bims war Segen und Fluch zugleich. Bereits im 18. Jahrhundert hatte man erkannt, daß sich der Bims, oder besser gesagt - bestimmte Schichten - des sich wie ein Tortenboden abgesetzten Bimses, mit Beilen zu handlichen Formaten zugehauen, als sehr guter Baustein verwenden ließ. Im 19.Jahrhundert begann man den Bims mit Kalkmilch anzufeuchten und in Holzkästen auszuformen und erhielt nach einer gewissen Austrocknungszeit den begehrten Bimsstein, oder auch Schwemmstein genannt. Später wurde anstelle der Kalkmilch Zement verwendet. Durch die Zementbeigabe als Bindemittel wurde der Bimsstein zu einem absolut berechenbaren Baustein der Neuzeit. Als Deutschland nach dem 2.Weltkrieg in Schutt und Asche lag, war der Bimsstein, als leicht zu produzierender, leicht zu transportierender und auf der Baustelle gut zu handhabender Baustein, für den schnellen Wiederaufbau der zerbombten Städte der zweckmäßigste Baustoff. Wie ich schon schrieb ist der Bims für unsere Heimat Segen und Fluch zugleich gewesen. Segen deshalb, weil im mittelrheinischen Bimslager- Gebiet zigtausende Beschäftigte Arbeit und Lohn in der Bimsindustrie fanden. Fluch deshalb, weil über zig-Quardratkilometer die Erde um- und nochmals umgegraben wurde, um an das "weiße Gold", den Bims heranzukommen und abzubauen. Ein Bild aus den 30er Jahren. Bimsabbau in Mülhofen, deutlich sind die angeschnittenen Gräber zu sehen. (Grube Scherer) In einem Zeitraum von fast 150 Jahren wurden durch den Bimsabbau, fast alle vorhandenen Spuren früherer Besiedlung vernichtet. Waren es um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zumeist Zufallsfunde von Gräbern beziehungsweise Grabbeigaben, die durch die primitiven Bims-Abbaumethoden zutage traten, so waren am Ende des vorherigen und zu Beginn dieses Jahrhunderts durch großflächige Bims- Gruben schon hunderte von Gräbern freigelegt worden. Leider gab es in dieser Zeit noch kein Bodendenkmal-Schutzgesetz und der Gedanke an eine (in unserem heutigen Sinn "ordnungsgemäße") Ausgrabung war nicht weit verbreitet. Viele Gräber wurden durch die Bims- Arbeiter durch Unachtsamkeit oder nur einfach Dummheit, im Zuge der Bimsabbautätigkeit vernichtet. Als die Bimsgruben-Besitzer und - Arbeiter merkten, daß man die in den Gräbern gefundenen Beigaben gewinnbringend verkaufen konnte, verschwand so manches Stück in dunkle Kanäle. Es ging schließlich soweit, daß man die menschlichen Gebeine achtlos zur Seite schob und nur noch an den Beigaben interessiert war. Erst, als das erste Gesetz zum Schutz der Bodendenkmäler nach dem 1.Weltkrieg in Kraft trat, konnte man auch gegen den Widerstand so mancher Bimsgruben- Besitzer an eine systematische Ausgrabung der gefundenen Gräber gehen. Für die Aufhellung der Zustände, die bis zum 2.Weltkrieg in unserem engeren Bereich herrschten ist folgende Notiz aus einem 1939 erschienenen Werk aufschlußreich. (Rheinische Vorzeit in Wort und Bild, 1939, H 2/3 ; Mitteilungsbl. d. Landesamtes für vor- u. frühgeschichtliche Denkmalpfl. d. Rheinprovinz): "Bendorf-Mülhofen: In der Flur 7, Im Röttgen, in den Sandgruben der Concordiahütte, wurden seit 1841 Hunderte von Gräbern zerstört, 1841 und 1856 beim Sandabgraben durch die Hütte, später Raubgrabungen, besonders stark betrieben zwischen 1890 und 1895 durch Picht-Sinzig, Queckenberg-Nieberbreisig u. a. Die älteren Funde kamen durch Direktor Eichhoff Sayn, in das Schloßmuseum Koblenz dort noch 17 Gräber getrennt (Fundzusammenhang sicher?) und einige Einzelfunde. Die übrigen Beigaben zerstreut bei Privaten und in folgenden Museen: Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin, Landesmuseum Bonn, Wallraf-Richartz-Museum Köln und Heimatmuseum Bendorf. 1915 kamen Beigaben eines Grabes durch Lehrer Wick in das Kreismuseum Neuwied (Bonner Jahrbücher 26, 1858, S. 196; 44 45, 1868, S. 118. - Swarzenski, Die Sammlung Dr. Seligmann Köln, Berlin 1930, Taf. 14). Bendorf. Am jetzigen Friedhof, in der Flur 6, Auf dem Kolben, in der Bimsgrube Lenz fanden sich zahlreiche Gräber; Beigaben zerstreut in den Museen Koblenz, Neuwied und Bonn und im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Bonner Jahrbücher 125, 1919, Jahresbericht 1917 /18, S. 22; 136/137, 1932, S. 295). " Soweit die Situation bis 1939. Bis dahin waren aber nur 15-20 % der damals abbauwürdigen Flächen ausgebeutet. So richtig dramatisch wurde es aber erst nach dem 2.Welkrieg. Mit den modernen Maschinen die seit dieser Zeit zum Einsatz in den Bimsgruben kamen, gelang es die vorhandenen Restflächen innerhalb von 2 Jahrzehnten auszubeuten. Wo früher, durch mühselige Handarbeit mit Hacke und Schaufel, eventuell vorhandene Bodenverfärbungen und sonstige Fremdkörper im Boden und in dem darunter liegenden Bims leicht erkannt wurden, konnten nun beim Einsatz mächtiger Bagger und Planierraupen diese Hinweise nicht mehr wahrgenommen werden. Vielfach wurde aber auch, selbst bei erkannten Spuren einfach weitergebaggert, um ja keine Ausfallzeiten bei der Bergung der Funde inkaufnehmen zu müssen. Die Archäologen und Ausgräber des Amtes für Denkmalpflege konnten den, trotzdem noch in großer Anzahl, gemeldeten Funden kaum noch nachgehen. Viele der damals als Notgrabung geborgenen Gräberinhalte harren auch heute noch einer wissenschaftlichen Auswertung. Als in den 70er Jahren die wüste Buddelei, wegen Erschöpfung der allerletzen Bimsgruben in unserem Raum eingestellt werden mußte, hatte sich die unbebaute Landschaft total gewandelt. Die Zerstörung der Landschaft durch den Bimsabbau hat, ähnlich, dem der großen Braunkohle-Tagebaue (Garsweiler und in der Lausitz), eine archäologische Wüste hinterlassen. Vgl. hierzu die neuesten Untersuchungen : Lutz Grunwald, Grabfunde des Neuwieder Beckens - von der Völkerwanderungszeit bis zur Neuzeit. Der Raum Bendorf und Engers, Verl. Marie Leidorf GmbH - Rhaden/Westfalen., 1998 Und wo lebten die Menschen ? War während des Bimsabbaus nur nach Gräbern (als Zufallsfunde) Ausschau gehalten worden gingen zwangsläufig alle andere Siedlungsspuren - weil nicht erkannt - unwiederbringlich verloren. Die Gräber der hier lebenden Menschen wurden gefunden, aber wo lebten die hier bestatteten? Da nicht anzunehmen ist, daß die Bewohner der damaligen Siedlung (Siedlungen?) ihre Toten kilometerweit von ihrem Wohnplatz aus bestatteten, muß der dazu gehörende Siedlungsplatz (-plätze ?) in der Nähe gelegen haben. Ausschnitt aus preußischer Generalstabskarte (1816 - 1887) Bei der Betrachtung alter Landkarten sieht man, daß sich entlang des rechten Ufers des Saynbaches, vom Friedrichsberg bis hin zum Rhein und bis an die Stadtgrenze von Engers, eine hochwasserfreie und unbebaute Fläche mit sich leicht nach Süden (also zum Saynbach) geneigtem Profil öffnete. Ein Foto aus dem Jahren 1872 bestätigt diesen Befund. Mögliche (unbenannte) Siedlungsplätze sind demnach auf der ganzen Strecke zwischen Sayn und dem Rhein zu suchen. Der Name des Ortes Althochdeutsch - mûlin , lateinisch - molina , Mûlenhof = Mülenhof = Mülhofen Wenn wir schon die Vorläufer der heutigen Siedlung "Mülhofen" nicht fassen können, wollen wir wenigstens versuchen, den Ursprung des jetzigen Mülhofen nachzuvollziehen. Nun ist, wie eingangs erwähnt, Mülhofen nicht als Ort- oder Wohnplatz (offiziell, mit Brief und Siegel) gegründet worden. Überlieferte Urkunden aus dem Mittelalter bieten uns aber die Möglichkeit die Entwicklung Mülhofens nachzuvollziehen. Als billiger Energieträger waren wasserreiche Bäche und Flußläufe, für die Menschen des Mittelalters und bis noch weit in das 19. Jahrhundert hinein, Kraftquelle für Mühlen und Pochwerke (Hammerwerke). Der Grad der wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung hing in hohem Maße von der dauerhaften Verfügbarkeit der Wasserkraft ab. So war die Verfügungsgewalt über Bäche und Flüsse ein Herrschafts-Regal und wurde über Jahrhunderte von den Berechtigten streng gehütet. Ein Besitzwechsel dieses Regals war so tiefgreifend, daß es meistens nur in dem Zusammenhang mit Schenkungen an die Kirche, Klöster oder Stifte geschah und dann in den Urkunden besonders erwähnt wurde. Zunächst sei festzuhalten; die in den letzten Jahren erfolgte Diskussion über den rechtmäßigen Besitzer der Gegend rechts des Saynbaches bis zur Mündung desselben in den Rhein, mit dem Bemerken auf eine mögliche (sic !) Okkupation durch die Grafen von Sayn, ist einen "Haufen leeres Stroh zu dreschen". Hierzu hervorgebrachte Argumente, wie z.B. der Hinweis auf den Grafen Mettfried (von Wied) als Gaugraf des "Engersgaues" oder auf das Kloster Laach, als angeblicher Besitzer ? der "Herrschaft über Bendorf" sind m. M. nach nicht stichhaltig. Die Grafen von Sayn waren die Grundeigentümer und verfügten über die Wasserrechte über den Saynbach. Der Unterlauf unseres Saynbachs - ab dem Zusammenfluß von Sayn- und Brexbach - im Volksmund nur "Hengelbach" genannt, (offiziell Saynbach) bot schon in ältester Zeit dank seines Wasserreichtums mehreren Mühlen Lohn und Brot. Wir hören zum ersten mal von Sayner Mühlen in einer Urkunde (1232) des Grafen Heinrich III. von Sayn. (Urkunde im Anhang beigefügt) Diese Erbverpachtung seiner Mühlen oberhalb (super Seynam) von Sayn bezieht sich aber nach Lage der Dinge vermutlich auf die beiden später sogenannten "Abtsmühlen" am Brexbach. Eine spätere Urkunde besagt: Im Jahre 1264 erließ Graf Johann von Sponheim dem Kloster Sayn einen Zins von zwei Mühlen zwischen Sayn und Engers. Damit ist ohne Zweifel der Bereich des heutigen Stadtteils Mülhofen gemeint. Zu einer der beiden Mühlen gehörte der Mühlenhof, auch Mûlenhof genannt. Der Pächter mußte im Mittelalter an die Sayner Klosterbrüder bei jeder fälligen Lehngebühr zwölf Taler zahlen sowie jährlich den dritten Teil der Früchte.
Hier ist zu fragen, ob der genannte Hof wirklich zur Mühle gehörte, oder war es gerade umgekehrt? In späteren Jahren (1524) war der Hof im Besitz der Herren von Reiffenberg, (vermutlich als Lehen der Grafen v. Sayn) und das Kloster mußte auf Urteil des Grafen einen jährlichen Zins von "einem Malter Hafer, Koblenzer Maßes und zwei Gänse" den Herren von Reiffenberg geben. 1547 lesen wir in einer Urkunde von einer Verpachtung des Hofes, dieses mal durch die Abtei Sayn. Wer sich heute die Landschaft am Unterlauf des Saynbaches, vom Zusammenfluß von Sayn- und Brexbach an bis zu seiner Mündung in den Rhein, betrachtet, kann sich nur mit Mühe den ursprünglichen Zustand vorstellen. Am ehesten könnte man ihn vergleichen mit dem heutigen Zustand der Siegmündung in den Rhein. In einer mäßig breiten Ebene zwischen Bendorf und Engers schlängelte sich der Saynbach in einer Auenlandschaft dem Rhein zu. Immerwährende Hochwässer des Rheines, die sich bis weit in das Hinterland zurückstauten, waren einer dauernden Besiedlung im Talgrund hinderlich. Die vorgenannten Mühlen am Saynbach waren permanent von Hochwasser bedroht. Wo also lag der Mûlenhof? Der in den Urkunden genannte Hof konnte also nicht im Talgrund sondern nur auf einer hochwasserfreien Fläche angesiedelt sein. Bei all diesen Überlegungen ist das durch den Bimsabbau veränderte Landschaftsbild zu beachten. Die gesamte damals unbebaute Bodenfläche wurde durch den Bimsabbau um ca. 3-4 Meter, stellenweise sogar noch mehr, abgegraben. Da ein landwirtschaftlicher Betrieb wie der "Mûlenhof" nicht im Hochwasser oder im Sumpfland existieren kann, wird er auf dem rechten Uferrand des Saynbaches zu suchen sein. Da die ersten Katasterkarten, begonnen 1832, nur den jetzt (schon wieder) verschwundenen Zustand wiedergeben, ist eine Suche nach diesem Hof wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Selbst in diesen alten Karten ist kein Mûlenhof vermerkt und war zu dieser Zeit vermutlich nicht mehr existent. Die Frage ist - was ist mit dem Mûlenhof geschehen ? Es bietet sich hier folgende Lösungsmöglichkeit an. Wie bekannt ist, gehörte der Mûlenhof zum Besitz der ehemaligen Prämonstratenserabtei Sayn. Bei der zwangsweisen Auflösung der Abtei Sayn, als Folge des Reichsdeputationshauptschluß im Jahre 1803, fiel der gesamte Besitz an das Fürstentum Nasau- Usingen. Ebenso wie das Kloster Sayn wurde auch die benachbarte Abtei Rommerdorf säkularisiert. Auch dieser Besitz kam an das Haus Nassau-Usingen. Das Haus Nassau- Usingen konnte sich aber nicht lange am billig erworbenen Besitz erfreuen; es mußte sich mit dem Besitz- Übergang auf das Herzogtum Nassau abfinden. Nichts auf dieser Welt währt ewig. Im Jahre 1815 erfolgte ein erneuter Besitzerwechsel. Die Preußen wurden neuer Besitzer des durch die Säkularisation erworbenen Besitzes der Nassauer. Auch beerbte Preußen die aufgelösten Kurstaaten am Rhein. (Köln, Mainz, und Trier) Die Könige von Preußen waren auf einmal Besitzer der ehemals kurtrierischen Sayner Hütte, mit den dazu gehörenden Nebenbetrieben und auch des "Mûlenhofes" oder was davon übriggeblieben war (?). Von einem Verkauf, Besitz- Pächterwechsel dieses Hofes bzw. der dazugehörenden landwirtschaftlichen Flächen hören wir in all diesen Jahren nichts. In diesem Zusammenhang ist vieleicht interessant und notwendig die Geschichte der Sayner- und der Mülhofener Hütte zu betrachten. Die "Sayner-Hütte" war schon im Jahre 1769 von dem Trierer Erzbischof Wenzeslaus als landesherrliche Hütte gegründet worden. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts besaß die "Sayner- Hütte" in Mülhofen (immer noch Gemeinde Sayn !) ein Ufergrundstück am Rhein, welches als Verladestelle für Schiffstransporte der "Sayner- Hütte" genutzt wurde. Nur durch einen Weg getrennt gehörte zum Besitz der "Sayner-Hütte" ebenfalls ein großes Ackergelände, auf dem in späteren Jahren die "Mülhofener-Hütte" errichtet wurde. Wie aus den später ermittelten Umständen zu entnehmen ist, können dieses Grundstücke nur aus dem Bestand des Mûlenhofes kommen. Zur Zeit muß die Frage offen bleiben, wann dieser Besitzerwechsel aus dem Fundus des Mühlenhofes an die "Sayner Hütte" stattgefunden hat. War er noch zur Trierer Zeit, also vor der Säkularisation 1803, oder in der Nassau-Usingischen Zeit erfolgt ? 1815 beim Besitzübergang auf den Preußischen Staat hören wir nichts über jene Grundstücke und bei der im Jahre 1832 erfolgten ersten Grundbucherfassung blieben die Grundstücke, da dem Staat gehörend, unberücksichtigt. Die Anfänge der Mülhofener Hütte um 1860 Als die Führung der "Sayner - Hütte" zu Ende der 1840er bzw. zu Beginn 1850er Jahre eine Strukturverbesserung ihrer Hütte planten, kam dieses große Gelände in Mülhofen ihren Vorstellungen entgegen. Hier, direkt am Rhein gelegen, mit dem günstigen, billigen Transportweg für die Rohstoffe und Fertigwaren, sozusagen "direkt vor der Haustüre", sollte die "Neue" Hütte entstehen. 1858 wurde der erste Hochofen eingeweiht. Erst im Jahre 1875 hören wir wieder vom Mûlenhof. Herr Hauptlehrer Peter Straten von der Volksschule in Mülhofen bemerkt in einem Nebensatz, in der von ihm geführten Schulchronik; "Nach Aussage der älteren Leute hat Mülhofen seinen Namen erhalten von einer früher hierselbst gewesenen Mühle und einem Hofe. .......der ehemalige Mûlenhof lag dem (Krupp'schen) Konsum" gegenüber." Diese bestimmte Aussage und die genaue Standortangabe geben zum Zweifel wenig Anlaß, zumal sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts an dieser Stelle noch ein landwirtschaftliches Anwesen befand Als wesentlicher Faktor der Entstehung des Wohnplatzes "Mülhofen" dürfte die Ansammlung von Mühlen am sogenannten "Mühlengraben"; das ist ein künstlich, mit geregelter Wasserführung, geschaffener Oberlauf des Saynbachs gewesen sein. Der Mühlengraben wurde in Sayn am Zusammenlauf des Sayn- und Brexbaches vom Saynbach abgezweigt. Er führte ca. 2,5 km weit entlang der rechten Uferseite des Saynbaches, bis fast zur Rheinmündung, wo er wieder in der Saynbach geleitet wurde, durch heutiges Mülhofener Gelände. Von diesem Mühlengraben mit dem notwendigen Wasser gespeist, wurden zu allen Zeiten mehrere Mühlen betrieben. Insbesondere seien hier genannt: die Wolfsmühle, die Rote Mühle, die Bannmühle der Sayner Grafen (= die Inndorfer Mühle), die "Champagner Mühle", etc.etc. Da zu jeder Mühle auch Wohnhäuser gehörten, entwickelte sich im Laufe der Zeit eine kleine Siedlung. Aus der zuvor genannten Quelle wird die Größe von Mülhofen um 1840 mit 20 Wohnhäuser angegeben. Gießhalle und Hochöfen der Concordiahütte um 1857 Erst durch die einsetzende Industrialisierung zur Mitte des 19.Jahrhunderts wurde auch Mülhofen aus dem bis dahin so geruhsamen Leben gerissen. 1836 wurde der erste Hochofen der "Concordiahütte" angeblasen und der rasante Aufbau der "Concordiahütte" gab den Anstoß für die Zuwanderung der ersten Arbeiter mit ihren Familien. Mülhofen wurde durch den Bau der "Mülhofener Hütte" nach 1856 zum bedeutendsten Ort der Eisenverhüttung am Mittelrhein. Mülhofen war somit, lange vor dem Ruhrgebiet, zum Mittelpunkt eines Montan-Gebietes geworden, daß den vorderen Westerwald, Teile des Siegerlandes, Dill und Lahngebietes umfaßte. Allein die Zahl der Beschäftigten in den großen Eisen- und Hüttenwerken von Bendorf-Sayn-Mülhofen war beträchtlich. Sie dürfte nach grober Schätzung, je nach Konjunkturlage, zwischen 2- bis 4000 Menschen gelegen haben. Mülhofen; Wohnhäuser errichtet von der Firma Krupp für ihre Arbeiter Angelockt durch den hohen Arbeitskräftebedarf der nach und nach vergrößerten Industrieanlagen, zogen viele Arbeiter mit ihren Familien hierher nach Mülhofen. Mülhofen selbst hatte, wie schon gezeigt, um 1840 nach Aussage der Mülhofener Schul-Chronik nur höchstens 20 Wohnhäuser. Die Wohnungsnot war so groß, daß sich Krupp entschloß 8 große Wohnhäuser für seine Arbeiterfamilien zu bauen. Es sind dies die heute noch teilweise vorhandenen, bewohnten, sogenannten "Krupp'schen Häuser". (gegenüber der Einfahrt zur Fa. Kann) Auch die "Concordiahütte" baute von 1872 bis 1878 für ihre Arbeiter die heute "12 Apostel" genannte Häuserzeile. Es sind dies, wenn auch wenig bekannt, für den westdeutschen Raum, mit die ersten Industriearbeiter-Siedlungen. Die Einwohnerschaft des Wohnplatzes "Mülhofen" wuchs mit dem Grad der Industriealisierung. Die nötige "Infrastruktur" für ein Gemeinwesen mußte neu geschaffen werden. Mülhofen an der Grenze zu Engers gelegen gehörte verwaltungsmäßig zur Gemeinde Sayn. Die Kinder von Mülhofen gingen nach Engers zur Schule. Kirchlich - die meisten Einwohner Mülhofens waren katholisch - orientierte man sich zeitweise nach Engers war aber in allen kirchlichen Angelegenheiten der Pfarrei Sayn zugehörig. Da die Schülerzahl von Mülhofen so stark angestiegen war, verfügte im Jahre 1873 die Gemeinde Engers die Ausweisung der Mülhofener Kinder aus der Engerser Schule. Die Kinder blieben 1874 ohne schulische Unterweisung. Erst 1875 erhielt Mülhofen für seine auf fast eintausend Einwohner angewachsene Gemeinde, eine eigene Schule. Zu deren Bau hatten wesentlich die beiden Hütten mit namhaften Spenden beigetragen. Das Geschick von Mülhofen, als reiner Schwerindustrie- Standort, war immer abhängig von Konjunkturen, Weltlagen oder sonstiger Kriesen. Dennoch, oder gerade deswegen, bildete sich die Einwohnerschaft von Mülhofen, die ja im Grunde seit Anfang der Industrialisierung nur aus Zugewanderten, heute würde man sagen "Gastarbeiter" mit ihren Familien bestand, als eine verschworene Gemeinschaft. So nimmt es auch kein Wunder, daß der 12 - 15% betragende Ausländeranteil der Einwohner in dem heutigen Mülhofen, nicht als Störfaktor empfunden wird. Solidarität und das Wissen um soziale Gerechtigkeit haben im Bewußtsein aller Einwohner einen hohen Stellenwert und wird auch bei heute veränderten Strukturen täglich neu gelebt. Die Arbeitersiedlung genannt: "12 Apostel" (2000) Bis zur Eingemeindung von Stromberg in die Stadt Bendorf war bis zum Jahre 1974 der Stadtteil Mülhofen, der kleinste der Stadtteile. Als im Jahre 1928 die Stadt Bendorf mit der Gemeinde Sayn-Mülhofen vereinigt wurde glaubten die Einwohner von Mülhofen das Stigma eines Anhängsels von Sayn abschütteln zu können. Wurden doch die Geschicke der beiden Ortsteile vom Gemeinderat von Sayn aus geregelt. Was damals die Einwohner der beiden Ortsteile Sayn und Mülhofen über Jahre beschäftigte können wir heute sehr wohl nachempfinden. Im Gefolge des verlorenen ersten Weltkrieges traf die einsetzende Inflation und die darauffolgende Weltrezession die bis dahin, durch die großen kriegswichtigen Industrieunternehmen im Großraum Bendorf, beschäftigte Bevölkerung; Arbeiter wie Handel und Gewerbe. Es wurden in Bendorf, noch während des Krieges, die Eisenerzgrube "Werner", wegen Erschöpfung geschlossen und in Sayn stellte 1926 die "Sayner Hütte" ihren Betrieb ein. Die "Concordia-Hütte" in Mülhofen, als größter und der modernste Hüttenbetrieb am Mittelrhein, mit maximal ca. 2.000 Beschäftigten kränkelte schon seit Kriegsende 1918 und mußte viele Arbeiter entlassen. Ganz schlimm hatte es aber die "Mülhofener Hütte" getroffen. Die dem Krupp'schen Konzern angehörende Hütte war hoffnungslos veraltet und mit ihren vier Hochöfen am falschen Standort. Krupp baute am Standort Rheinhausen eine neue Hütte, die "Gutehoffnungshütte" - (über deren Schließung in unserer Zeit viel zu lesen war). Mit der Verringerung der Belegschaft und der Schließung der Mülhofener Hütte, (am 06.06.1930 wurde der letzte Hochofen ausgeblasen), war innerhalb weniger Jahre der größte Hüttenindustrie-Standort am Mittelrhein weggebrochen. Die Folge war eine allgemeine Arbeitslosigkeit mit all ihren Begleiterscheinungen und eine Verarmung großer Bevölkerungskreise. Einen Ausweg aus dieser Situation wurde in den herrschenden politischen Kreisen in Bendorf und Sayn-Mülhofen darin gesehen, daß man diese Orte zu einer Großgemeinde zusammenschließen sollte. Der Gedanke war der; die Stadt Bendorf war trotz der frühen und umfassenden industriellen Entwicklung einen anderen Weg, als den der "industriellen Monokultur" wie in Sayn und Mülhofen, gegangen. Bendorf wurde eher durch Dienstleistungsunternehmen, hier sind zu nennen die großen Kur- und Heilanstalten, sowie Handel und Handwerk geprägt. Die Folgen der großen Weltwirtschaftskriese waren zwar immer noch sehr hart zu spüren, aber noch lange nicht so schwerwiegend, wie in den reinen Industrie- Standorten.
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