Von Ärzten und Heil-Anstalten in Bendorf
Bendorf am Rhein
Der nachfolgende Aufsatz ist erschienen in: «Heimat in vergangenen Tagen» von Peter Pius Ohlig(1865 - 1952) Bendorf, 1951, 100 S. "Nur der, dem seine Heimat lieb und teuer ist, wird mit warmem Herzen ihr ergeben sein und in der Liebe zu ihr stets den Ansporn und die Kraft finden, für sie zu streben." P.P.Ohlig Vor hundert Jahren war es mit der ärztlichen Hilfe auf dem platten Lande zum größten Teil noch sehr schlecht bestellt. Mitunter erstreckte sich der Weg auf mehrere Stunden Entfernung, wenn ein Arzt herbeigeholt werden mußte. Es spricht deshalb für die damalige Bedeutung der Stadt Bendorf wenn schon vor über 100 Jahren Einwohner und die der im Umkreis liegenden Nachbarorte, sowie der mehrere Stunden entfernteren Westerwalddörfer, ärztlichen Rat und Hilfe in Bendorf erhalten konnten. Schon um die Wende des 17. Jahrhunderts wurde nachweislich die Heilkunst in Bendorf ausgeübt. Ebenfalls war für die Heilpflege u. die Armenfürsorge seit dem 15. Jahrhundert ein Hospital vorhanden, welches in der Nähe des heutigen "Nassauer Hofes" stand. Die hinter diesem Gasthof und dem katholischen Schulhaus befindliche Gasse führte deshalb früher den Namen "Hospitalsgasse". Nach der Hospitalrechnung vom Jahre 1747 besaß das Institut ein Barvermögen von 3669 Gulden, 18 Albus, sowie Grundstücke und Weinberge. Ferner hatte es jährliche Einkünfte aus Grund- und Weinzinsen und Kornlieferungen. An den letzteren waren unter anderen die Gemeinde Urmitz mit einem Malter und vier Simmer und Kloster Rommersdorf mit vier Simmer beteiligt. Niemand soll nüchtern ausgehen Heilkunst und Heilpflege waren also schon vor über 200 Jahen in Bendorf zum Wohle der Bürger vereint, Von dem Bendorfer Magister Medicinae J. A. Fasch ist noch eine sanitätspolizeiliche Verfügung aus dem Jahre 1714 erhalten, welche zur Bekämpfung der Pest erlassen, wie folgt lautet: "Die Häuser, Stuben und Kammern müssen alle Morgen fein gesäubert und in diesen dreimal des Tages ein Rauch vom Wachholder in den Kamin, oder von gefeilten Ziegen- oder Bockhorn, Eichen-, Buchen- oder Birkenrinden gemacht werden. Solcher Rauch kann auch in den Kirchen mit aller Behutsamkeit gemacht werden. Niemand soll früh nüchtern ausgehen, sondern sogleich von dem Präsertiv nach Unterschied des Alters 5, 10, 15, 20 bis 30 Tropfen in ein wenig warmen Wein oder Branntwein einnehmen - ein Stückchen Angelikawurzel, rothe Myrrhen, Citronenschalen, desgleichen frische Wachholderbeeren essen, ist auch sehr gut. Die Infizierten sollen das bozoardische Pulver täglich dreimal in warmer Brühe oder Wein nehmen und ruhig im Bett bleiben. Mit der Salbe müssen sie täglich dreimal den Bauch schmieren. Die Gesunden sollen sich des Ekels entschlagen, alles Obstwerk, wie auch Milchspeisen meiden, auch kein Wein oder Branntwein übermäßig trinken, maßen sie mit ihrem Schaden den üblen Effekt erfahren werden. Die Verstorbenen sollen gleich den anderen Tag begraben werden und so bald jemand verschieden, ihm ein Stück Warmbrot auf den Mund gelegt, 24 Stunden gelassen und dann tief in den Mist verscharrt werden. Bendorf, den 25. August 1714. Joh. August Fasch m. m. J.Dumpf p.t.Gerichtsschreiber m. p. Durch Beobachtung dieser Vorschrift wurde ein Umsichgreifen der Epidemie verhindert. Ueber die Nachfolger des Magisters Medicinae Fasch im Dienste der Heilkunst sind die Nachrichten dürftig. In der Einwohnerliste vom Jahre 1746 ist ein Chirurgus Bitzer verzeichnet, welcher der reformierten Religionsgemeinschaft angehörte. Oft kehrt in amtlichen Schriftstücken der Name des Chirurgen Haubold in den Jahren 1784 bis 1819 wieder. In den ersten Jahrzehnten des verflossenen Jahrhunderts praktizierten als Aerzte Dr. Cuno und Dr. de la Vigne. Letzterer erfreute sich weit über die Grenzen des Städtchens einer großen Beliebtheit, er wohnte im Hause Ecke Bach- und Hauptstraße (jetziges Kaufhaus Leininger/Beka/Wolwood), aus dem seine Frau, eine geborene Winter, stammte Dr. de la Vigne starb auf einer Reise und liegt, soweit mir bekannt ist, in Gießen begraben. Das Grabmal seiner Tochter, Frau Louise Maurer, befindet sich auf dem unteren rechten Teile unseres Friedhofes (Marmorsockel mit abgebrochener Säule). Der im Jahre 1877 verstorbene Sanitätsrat Dr. Albrecht Erlenmeyer war vorher Assistenzarzt bei Dr. de la Vigne. Er ließ sich Ende der vierziger Jahre als praktischer Arzt in Bendorf nieder und gründete, nachdem er aus der alten Bendorfer Familie Tilemann sich seine Frau genommen, im Jahre 1848 die im In- u. Ausland zu einem bedeutenden Ruf gelangten Heil- und Kuranstalten in Bendorf (an der Hauptstr.; heutiger Stadtpark). Als Nervenarzt kam er zu großer Geltung. Sein Sohn, der den heutigen Bendorfern noch wohlbekannte Geheimrat Dr. Friedrich Albrecht Erlenmeyer erweiterte die Anstalten durch Errichtung der Wasserheilanstalt "Rheinau" (zwischen Engerser- und Werftstraße) und Erbauung der Villen im jetzigen Stadtpark (ehemalige Anlagen der Anstalt). Das Besitztum Rheinau hatte schon der Gründer der Anstalten von dem Vorbesitzer, einem Baron von Schmid, erworben. Dr. Friedrich Albrecht Erlenmeyer in Petersburg Geheimrat Dr. Erlenmeyer gehörte zu den Auserlesenen seines Faches. Ebenso berühmt als Fachzeitschriftsteller wie als Nervenarzt, genoß er einen bedeutenden Ruf. Das "Zentralblatt für Nervenheilkunde" wurde von ihm gegründet, Männer und Frauen aus den höchsten Kreisen der Aristokratie und der Gesellschaft suchten und fanden in der komfortabel eingerichteten Erlenmeyer'schen Kuranstalt Ruhe und Heilung. Als vor ca. 40 Jahren die Nachricht von der Nervenkrise des russischen Zaren Nikolaus durch die Presse ging, weilte Geheimrat Dr. Erlenmeyer in St. Petersburg, um seinen Rat, den man von ihm gewünscht, der Zarenfamilie zu erteilen. Erzherzog Leopold zur Kur D i e " W a s s e r h e i l a n s t a l t Rheinau" in Bendorf a/Rh. Im Jahre 1901 nahm der damalige Erzherzzog Leopold, der Neffe vom Kaiser Franz Joseph und Bruder der durch ihre ehelichen Zerwürfnisse bekannten Kronprinzessin von Sachsen, einen über ein halbes Jahr dauernden Aufenthalt im Kurhaus Rheinau. Er wohnte unter dem Namen eines Fürsten von Wölferlingen mit seinem Adjutanten im rechten Flügel des Kurhauses und war recht bald wegen seines jovialen Auftretens in der Bendorfer Bevölkerung bekannt und beliebt. Der Erzherzog hat später auf den erzherzoglichen Titel verzichtet und reiste, Vorträge haltend, als Leopold Wölfing durch die Welt. In einem von ihm in Koblenz gehaltenen Vortrag gedachte er seines in Bendorf verlebten Aufenthaltes und erwähnte dankbar die hervorragenden Charaktereigenschaften des alten Geheimrates Dr. Erlenmeyer, der seiner damaligen außergewöhnlichen Lage und den herrschenden Verhältnissen vollstes Verständnis entgegengebracht habe. Dr. Erlenmeyer über Nietzsche Die "Wasserheil- anstalt Rheinau" in Bendorf a/Rh. (Parkseite) Eine den Ruf des Geheimrates Dr. Erlenmeyer kennzeichnende Stelle fand ich in einem, die Krankheit des berühmten Philosophen Nietzsche behandelnden Artikel des Heidelberger Tageblattes (Nr. 201 vom 31. 8. 1925), in welchem der Verfasser folgendes sagte: "Bald nach Nietzsches Tod hatte ich Gelegenheit, einen bedeutenden Nervenarzt Dr. Erlenmeyer, Bendorf, zu sprechen. Wir kamen bald in eine Unterhaltung über den großen Toten; ich erzähle ihm meine Erlebnisse und trug ihm auch meine Zweifel in betreff der Diagnose auf Paralyse vor. Er gab mir vollkommen recht und kam dann zu dem Schluß, daß es sich bei Nietzsche nicht um eine progressive Paralyse, sondern um eine Hirnlues gehandelt haben dürfte." Geheimrat Dr. Albrecht Erlenmeyer starb im Jahre 1926. Sein hoffnungsvoller Sohn, Dr. Ernst Erlenmeyer, fiel als Bat.-Arzt im 1.Weltkrieg. Das Schicksal der weltberühmten Anstalten war damit besiegelt. Die Anstalten gingen ein. Die Gebäude und Anlagen an der Hauptstraße gingen in den Besitz der Stadt, die Rheinau an die Vereinigten Stahlwerke und der Albrechtshof, in dem, auf Grund eines mit dem Fürstentum Waldeck abgeschlossenen Vertrages, die geisteskranken Waldecker Staatsangehörigen untergebracht waren, an einen Herrn Winter aus Köln und später an den jetzigen Besitzer, den Bergischen Schulfond, über. Die von Dr. Albrecht Erlenmeyer (sen.) gegründere Kur- und Heilanstalt an der Hauptstr. in Bendorf a/Rh. - heute Stadtpark Nicht unerwähnt soll bleiben, daß in dem umfangreichen Betrieb der Erlenmeyer'schen Anstalten neben Geheimrat Dr. Erlenmeyer sein 1905 verstorbener Schwager, Sanitätsrat Dr. Halbey, sein im Krieg gefallener Sohn Dr. Ernst Erlenmeyer und sein, einige Jahre nach dem Vater verstorbener Neffe, Dr. Kurt Halbey tätig waren. Als einer der letzten in den für Bendorf von großer Bedeutung gewesenen Erlenmeyer'schen Anstalten wirkenkenden Ärzte ist der ebenfalls gefallene Dr. Sommer noch heute manchen Bendorfern bekannt. Die Erfolge der Erlenmeyer'schen Nerven- Heilpflege sowie die vorzüglichen, das Heilverfahren günstig beeinflussenden klimatischen Verhältnisse und natürlichen Reize unseres Städtchens, führten zu weiteren Anstaltsgründungen. Schönheiten und Vorzüge Die wohltätige Wirkung der Schönheiten und Vorzüge unserer engeren Heimat auf den Heilungsprozeß nervenkranker und geistig überarbeiteter Menschen waren nicht zum wenigsten für die Gründung der Erlenmeyer'schen Anstalten mitbestimmend gewesen. Wir dürfen deshalb auch diesen von dem Sanitätsrat Dr. Albrecht Erlenmeyer vor fast hundert Jahren mit weitschauendem Blick erkannten heimatlichen Vorzug, als eine wertvolle Stütze für die weitere Entwicklungsmöglichkeit unseres Städtchens ansehen. Zur Bestätigung dieser Ausführungen führe ich den Historiker und ausgezeichneten Kenner des Rheinlandes, Chr. von Stramberg an, der im Band I des "Rheinischen Antiquarius" S. 174, über Bendorf folgendes schrieb: "Der von Vallendar eine ganze und von Weitersburg eine halbe Stunde entlegene Flecken Bendorf fußt in geringer Entfernung vom Rhein auf einer sanften Erhöhung und ist nach allen seinen Beziehungen ein ungemein freundlicher und wohlhabender Ort." Weiter heißt es dann auf Seite 187, nachdem der Verfasser von der überaus fruchtbaren Markung von Bendorf berichtet, wörtlich: "Die Lage ist, wie überhaupt fast alle Rheingegenden, sehr, doch aber hier vorzüglich schön. Vor sich hat man gegen Süden, dem Rheine zu, eine weit ausgedehnte fruchtbare Ebene, mit vielen tausend Obstbäumen, bepflanztes Ackerland und Wiesen, hinter und neben sich gegen Norden und Süden ein sich sanft erhebendes Gebirge, so teils (1787) mit Weinreben besetzt, teils als Fruchtland benutzt wird, und von dessen Anhöhen man vortrefflich schöne malerische Aussicht hat. Ehrenbreitstein, die kurfürstliche Residenzstadt Coblenz mit dem seit wenigen Jahren prächtig angelegten neuen Residenzschloß, die schöne fliegende Brücke, die Städte Neuwied und Andernach, drei kurfürstliche Lustschlösser und ein fürstlich wiedisches Lustschloß die hinter Coblenz auf einer Anhöhe liegende Kathause, viele andere umher liegende Klöster, verschiedene Berg- , Hütten- und Hammerwerke, Mühlen, viele Örter und Dorfschaften, zwei Inseln im Rhein, deren eine mit einem Dorf und Kloster versehen ist, dieser majestätisch langsam vorbei schleichende Fluß, welcher hier, wenn er seine ordentlichen Ufer ausfüllt, bei 80 Schritte oder 17-1800 Schuhe breit ist, die auf demselben auf- und abfahrenden Schiffe und Floßen, fruchtbare große Ebene dies- und jenseits des Rheines, und endlich in einer Entfernung von 3-4 Stunden rundumher Gebirge, die eine weitere ermüdende Aussicht einschränken, können bei heiterer Witterung mit einem Blick übersehen werden und stellen dem Auge einen der herrlichsten Schauplätze der Natur dar". Kein Wunder, daß die hervorgehobenen natürlichen Vorzüge Bendorfs mit dazu beitrugen, dem Erlenmeyerschen Beispiel zu folgen. Dr. Brosius'sche Heilanstalt für Nerven und Gemütskranke an der Hauptstr. in Bendorf So entstand dann im Jahre 1857 die Dr. Brosius'sche Heilanstalt für Nerven- und Gemütskranke an der Hauptstraße (jetziges Anwesen von Dr. Renzel), die in den Jahren 1860 bis 1883 durch Neubauten bedeutend erweitert wurden. 1863 wurde die von der Hauptanstalt etwa 15 Minuten entfernte Villa Sayn durch Ankauf angegliedert und 1866 bis 1868 ebenfalls vergrößert. Im Jahre 1878 begann Dr. Brosius mit dem Bau der Villa Waldesruhe am Eingang des Großbachtales (jetzt Hedwig Dransfeldhaus, früher Remyscher Besitz), und der Herrichtung der schönen Waldanlagen. Die Aufnahme von Nervenkranken erfolgte dort 1881. Längere Jahre stand die ganze Besitzung einem schwer nervenkranken Holländer Großreeder zur Verfügung, dessen Familie alljährlich monatelang zu Besuch dort weilte. Dr. Brosius'sche Heilanstalt für Nerven und Gemütskranke in Bendorf-Sayn Die von Dr. Brosius geleiteten Anstalten erfreuten sich ebenfalls internationalen Rufes. Neben Patienten aus den besten Kreisen des Inlandes befanden sich unter den dort Heilung suchenden reiche Holländer und Russen. Die vorzügliche und
sorgsame Behandlung durch den Leiter der Anstalt trug zu dem Ansehen derselben viel bei. Mancher alte Bendorfer wird sich noch des baltischen Barons von Hauff, der ein eigenes Gespann besaß, des Virtuosen Jordan und anderer namhafter Patienten erinnern, die fast regelmäßig im "Rheinischen Hof" (damals Jakob Kamp) in Gesellschaft des Anstaltsleiters zur Dämmerstunde gemütlich beim Schoppen saßen. Bekannte Namen waren unter den längere oder kürzere Zeit in der Anstalt weilenen vertreten: Frau Geheimrat Freytag, die Gattin von Gustav Freytag, verbrachte ihre letzten Lebensjahre hier. Sie starb nach mehrjährigem Aufenthalt in der Kuranstalt im Jahre 1894 und hat ihre Grabstätte auf dem hiesigen Friedhof in der Nähe der Neizert'schen Familiengruft. Nicht weit davon ist die Grabstätte des ebenfalls in der Brosius'schen Anstalt verstorbenen Prinzen Ferdinand von Bentheim-Steinfurt. Neben ihm ruht seine Schwester Prinzessin Ferdinande von Bentheim-Steinfurt, welche wegen des leidenden Bruders in Bendorf Aufenthalt nahm und in dem Hause von Peter Kamp (später im Besitz von Dr. Braun, jetzt Dr. Nick) wohnte. Sie starb 1891 und wurde, ihrem letzten Willen entsprechend, in Bendorf, das ihr zur zweiten Heimat geworden war, neben ihrem Bruder beigesetzt. Die Dr. Brosius'sche Anstalt ging einige Jahre vor dem Weltkrieg durch Kauf in die Hände des Nervenarztes Dr. Zanke über, welcher, nachdem er größere Umbauten an den Hauptanstaltsgebäuden und der Villa Waldesruh vorgenommen, an den Folgen eines Unfalls starb. Unter seinem Nachfolger Dr. Döllner ging die Anstalt ein. Die Hauptgebäude an der Hauptstraße gelangten durch Kauf in den Besitz der Bendorfer Getreidefirma Simon Abraham. Das schöne Besitztum Waldesruh kam nach mehrmaligem Besitzwechsel in die Hände des Kaufmanns E. Rezepka, der es mit erheblichen Kosten zu einem Erholungshaus ausbaute. Von diesem erwarben es die Jesuitenpatres. Nach Aufhebung der Niederlassung derselben kaufte es der Katholische Deutsche Frauenbund, welcher ein schmuckes Frauen-Erholungsheim aus ihm machte und es zu Ehren seiner verstorbenen Führerin "Hedwig Dransfeldhaus" benannte. Das ursprüngliche Dr. Brosius'sche Anwesen an der Hauptstraße erwarb von der Firma Abraham wieder ein Arzt, der jetzige Besitzer Dr. Renzel, der es damit wieder der ärztlichen Heilkunst dienstbar machte. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gesellte sich den bereits erwähnten Anstalten, als dritte, die von Dr. Georg Colmant zwischen Haupt- und Saynerstraße errichtete Kur- und Nervenanstalt, hinzu. Die von Dr. Colmant gegründete Heil und Pflegeanstalt "Villa Flora" Einer angesehen Bonner Familie entstammend, ließ sich Dr. Colmant, dem reiche Erfahrungen auf ärztlichem Gebiet zur Seite standen, als praktischer Arzt in Bendorf nieder und erfreute sich bald in der Bevölkerung großer Symphatie. Durch seine Frau Mathilde geborene Schwamborn, deren Elternhaus in der Bachstraße (jetzt Geschäftshaus Erz) steht, verknüpfte ihn ein festes Band mit unserer heimatlichen Scholle. In der von ihm gegründeten Nerven-, Heil- und Pflegeanstalt fanden nur weibliche Patienten Aufnahme. Die Anstalt entwickelte sich rasch und wurde im Laufe der 80er Jahre mehrfach vergrößert. Eine weitere Ausdehnung vollzog sich um 1890 durch Errichtung der Villa Flora und der sie umgebenden Anlagen. Hier nahmen Patientinnen aus den besten Kreisen ihren Aufenthalt. Dr. Colmant, der auch das Amt des Distriktsarztes versah, starb im Jahre 1897. Nach dem im besten Mannesalter erfolgten Tode des allgemein beliebten Arztes wurde die ärztliche Leitung der Anstalt von dem langjährig in derselben tätigen Oberarzt Dr. Enk und später von seinen Söhnen Dr. Karl Colmant und Dr. Georg Colmant übernommen. Auch die Colmant'sche Anstalt wurde durch die Folgen des ersten Weltkrieges und die mit demselben verbundenen schwierigen Verhältnisse beeinträchtigt. Sie ging deshalb kurz nach dem Kriege ein. Der größte, zwischen Alter Weg und Saynerstraße liegende Teil ging durch Kauf in den Besitz der Stadt über. Das Kurhaus "Villa Flora" wurde von der Ordensgenossenschaft vom hl. Herzen Jesu erworben und dort ein Missionsseminar (St. Johanneskolleg) errichtet, Das an der Hauptstraße liegende Hauptgebäude blieb jedoch in der Familie und der alten Bestimmung erhalten. Die von Dr. Georg Colmant im vorigen Jahrhundert gegründete ärztliche Praxis wurde von seinem Sohn Dr. Georg Colmant weiter ausgeübt. Die "Villa Flora" später als "Johanneskolleg" Die von der Stadt a n g e k a u f t e n A n s t a l t s g e b ä u d e dienten während der Besatzungszeit nach dem ersten Weltkrieg sanitären Zwecken. Das auf Veranlassung der Besatzungsbehörde durch die Reichsregierung in den Räumen der Anstalt errichtete Heilinstitut beherbergte zeitweise mehrere hundert Patientinnen, die sich einer zwangsweisen Behandlung und Heilung unterwerfen mußten. Dem Institut stand der Spezialarzt Dr. Roscher als Chefarzt vor, dem ein umfangreicher Stab von Assistenzärzten und Pflegerinnen zur Seite stand. Nach dem Abzug der Besatzungstruppen wurde auch dieser Anstaltsbetrieb aufgehoben und die Räume von der Stadt zu Wohnzwecken bereitgestellt, zum andern Teil vom Arbeits- und Wohlfahrtsamt benützt. Nebenbei sei erwähnt, daß der Volkswitz gegenüber der Eigenart des Krankheitszustandes der Besatzungs- Zwangspatientinnen nicht abseits blieb und das Anstaltsgebäude, unter Anspielung auf die dort untergebrachten Schäflein und Dämchen der Demimonde, die "Engelsburg" taufte. Für nervenkranke jüdische Patienten Die ehemalige Jakoby'sche Anstalt in Bendorf-Sayn wurde Ende der 60er Jahre im jetzigen Ortsteil Bendorf Sayn die Jakoby'sche Heil- und Pflegeanstalt gegründet. Dieselbe war aus dem In- und Ausland stark besucht. Von dem Gründer Meyer Jakoby ging die Anstalt auf seinen Sohn Benni über, der dieselbe durch den Bau des an der Koblenz- Olperstraße liegenden neuzeitlich eingerichteten Kurhauses erweiterte. In der Anstalt wirkte als Chefarzt lange Jahre der 1912 verstorbene Sanitätsrat Dr. Behrend, dem bis 1926 Dr. Rosenthal folgte. Der Besitzer Benni Jacoby starb 1910. Der Kurbetrieb wurde von seiner Frau Hermine, die aus der Bendorfer Großgetreidehändlerfamilie Abraham stammte, und ihren Söhnen Dr. Fritz Jacoby und Dr. Paul Jacoby weiterbetrieben. 1942 stellte die Anstalt ihren Betrieb ein. (wurde von den Nazis, nach dem Abtransport der letzten jüdischen Patienten in die Vernichtungslager der Nazis, geschlossen und einer anderen Verwendung zugeführt. Unter anderem als Wehrmachts-Lazarett, Hilfskrankenhaus der Stadt Koblenz (evgl. Stift: unter der Leitung von Dr.Dr.Fritz Michel), danach verschiedenen verschiedenen katholischen sozialen Einrichtungen. W.K)) Bezüglich der Krankenhauspflege dürfte noch von Interesse sein, daß, wie bereits erwähnt, seit dem 15. Jahrhundert ein Hospital hier bestand, von dem noch Rechnungen und Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert vorhanden sind. Ebenfalls befand sich, und zwar außerhalb der Stadtmauer, ein Siechenhaus, In der Chronik der Stadt Bendorf von Pfarrer Dr. Karl Fries schrieb der 1901 verstorbene Verfasser, unter Bezugnahme auf das große Landsterben im Jahre 1495: "Das Siechenhaus, wohin die Pestkranken gebracht wurden, stand in jenen Jahren außerhalb der Ringmauer an der Stelle, die noch heute "Am Siechenhaus" genannt wird". Es ist wohl den älteren Bendorfer Bürgern noch erinnerlich, daß man den Teil der Gemarkung, an der Straßenkreuzung Vallendarer- und Bahnhofstr. wo heute das Geschäftshaus Mattheis steht, "Am Syehäusge" (Siechenhaus) nannte. Das städtische Krankenhaus befand sich bis Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Vallendarerstraße, wo heute das Polizeigefängnis steht. In den oberen Räumen waren die Kranken untergebracht, während in dem Erdgeschoß der Krankenpfleger seine Wohnung hatte. In den 70er und 80er Jahren, bis zur Übersiedlung der Gemeindekranken in das St. Josefs Krankenhaus, wurde der Pflegerposten von dem im Sanitätsdienst ausgebildeten Bürger Simon Kasper versehen. Das erste Bendorfer Krankenhaus St Josef der Franziskanerinnen aus W a l d b r e i t b a c h (Liesenfeld'sche Haus) Das St. Josefs Krankenhaus verdankt sein Entstehen dem, von 1852 bis 1896 in allseits anerkanntem Wirken hier tätig gewesenen, heute noch in gutem Andenken stehenden Pfarrer Dr. Karl Fries. Aus seinen eigenen Mitteln erwarb er in der oberen Luisenstraße (jetzt: Siegburger Str.W.K.) das jetzt Liesenfeld'sche (Ganser/Kreisparkasse W.K.) Haus und überwies es zu Krankenpflegezwecken den Franziskanerinnen aus dem Mutterhaus Waldbreitbach als Eigentum. Schon nach wenigen Jahren mußte das Haus durch Angliederung eines Seitenbaues vergrößert werden. Jedoch reichten die vorhandenen Räume auf die Dauer nicht aus. Da eine Ausdehnungsmöglichkeit nicht mehr gegeben war, erwarben die Schwestern das ausgedehnte ehemalige Heinrich Remy'sche Anwesen zwischen Entengasse und Bahnhofstraße, das nur kurze Zeit sich im Besitz der Missionsgesellschaft St. Ottilien befand, von dieser und errichteten auf demselben, durch Um- und Neubauten ein den Zeitansprüchen vollständig entsprechendes Krankenhaus, in welchem heute ungefähr 30 Schwestern zum Besten ihrer Mitmenschen wirken. Eine segensreiche Einrichtung ähnlicher Art ist das von der evangelischen Gemeinde an der Haupt- und Kirchstraße errichtete, beim Bombenangriff Sylvester 1944 leider zerstörte Altersheim, in dem Kaiserwerther Diakonissinnen tätig sind und sich in anerkannter Weise der Kranken und Hilfsbedürftigen annehmen. Die Entstehung dieses Heimes fällt in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Durch ein in hochherziger Weise zum Andenken an Ferdinand Remy und seine Frau Berta geb. Hoffmann gemachte Stiftung bleibt der Name dieser Wohltäter mit dem Altersheim und ihrer Heimatstadt Bendorf für immer verbunden. Eine erst im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts getroffene Einrichtung ist die sogenannte Hauspflege seitens der in der Mühlenstraße angesiedelten Caritasschwestern, welche zur Zeit bis 4 an der Zahl, in Fällen von Krankheit und Hilfsbedürftigkeit in selbstloser Weise einem sozialen Bedürfnis durch häusliche Dienstleistungen in den betroffenen Familien entsprechen. Segensreich wirkt sich in der Mütterberatung, Kinderbetreuung und der sozialen Fürsorge die später vollzogene Einrichtung der Kreisberatungsschwestern aus, deren Wirken allseitiges Anerkennen gefunden hat und eine weitere Ausdehnung in absehbarer Zeit noch finden wird. Zum Schluß sei noch die Erinnerung wachgerufen an die in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts und im Anfang dieses Jahrhunderts hier tätig gewesenen praktischen Ärzte Dr. Wiegand, Dr. Braun und Dr. Esch. Der erstere, ein Schwiegersohn des Gründers und Inhabers der hiesigen Fabrik feuerfester Produkte, Th. Neizert & Cie. (jetzt Rheinische Chamotte- und Dinaswerke (später Didier-Werke W.K.)), war nur eine kurze Reihe von Jahren als Arzt tätig. Von seinen Söhnen ist der eine, Geheimrat Wiegand, unter den deutschen Altertumsforschern einer der bekanntesten. Er leistete der Altertumswissenschaft durch erfolgreiche Ausgrabungen in Griechenland und im Orient unschätzbare Dienste. Bei der Hundertjahr-Feier des Archäologischen Instituts in Berlin im Mai 1929 hielt Geheimrat Wiegand im Lichtbof des Berliner Pergamon-Museums die Festrede. Der andere Sohn, Robert Wiegand, war Generaldirektor der Rheinischen Chamotte- und Dinaswerke und blieb in dieser Egenschaft mit seiner Heimatstadt Bendorf bis zu seinem 1919 in Köln erfolgten Tode in engster Verbindung. Der 1924 verstorbene Sanitätsrat Dr. Braun hatte seit Ende der 1880er Jahre hier eine ausgedehnte Praxis. Er war allgemein beliebt und wurde als Geburtshelfer sehr geschätzt. Sein Kollege Dr. Esch, ein Sohn des in guter Erinnerung stehenden hiesigen evangelischen Pfarrers Hermann Esch, erfreute sich ebenfalls allgemeiner Beliebtheit. Er starb 1914 nach erfolgreichem Wirken im 43. Lebensjahr. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts übten den ärztlichen Beruf und die Zahnheilpflege im Stadtbezirk noch aus: Dr. Colmant, Dr. Renzel, Frl. Dr. Braun, Dr. Langenberg, Dr. Opladen, Dr. Unkel, Dr. Lax, Dr. Nick, Dr. Lenz und in der Zahnheilpflege Dr. Firsching, Frl. Dr. Rekert und die Dentisten Jakobs, Vorsteher und Vieritz. Soweit in kurzen Zügen das, was aus der Vergangenheit der Ärzte und Heilanstalten unseres Stadtbezirkes der Nachwelt zu übermitteln von Interesse ist. (Anm.3, Der Verfasser dieses Aufsatzes ist 1952 verstorben, W.K.1998)
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