Dr. Brosius und sein Asyl für Gehirn- und Nervenkranke
Bendorf am Rhein
Zur Einführung und Vertiefung des nachfolgenden Aufsatzes sei auf den schon früher veröffentlichten Beitrag des Autors zum Thema verwiesen: Von der Villa Sayn - zum Hedwig - Dransfeld-Haus in Bendorf a/Rh. Auf den Spuren des Dr. Brosius Dr. Caspar Max Brosius (1825-1910) wurde 1855 Assistenz-Arzt an der von Dr. Albrecht Adolf Erlenmeyer gegründeten Privatklinik für Gemüts- und Nervenkranke in Bendorf a. Rhein. Bereits 1857 eröffnete er in Bendorf seine eigene Anstalt. "Bei der Behandlung seiner Kranken ging er von dem menschenfreundlichen, damals aber noch wenig Anklang findenden Grundgedanken aus, die äußeren Verhältnisse der Kranken möglichst denen der Gesunden, ihren Gewohnheiten entsprechend, gleichzustellen" (so der Medizinhistoriker Theodor Kirchhoff). Brosius gehörte so zu den Pionieren der "sanften Psychiatrie", des sog. "familiären Systems", einer Behandlung ohne die bisher übliche brutale Gewalt, obwohl er in der Öffentlichkeit weniger bekannt wurde. Auch in Bendorf wurde Brosius lange Zeit vergessen. 1997 musste ich meine Dienst- wohnung im Hedwig - Dransfeld - Haus aufgeben und fand im Sayner "Fünftannenhaus", das Ende der 80er Jahre von Hans Faust erworben und zu einem Dreifamilienhaus umgebaut worden war, eine neue Wohnung. Zu meiner großen Überraschung entdeckte ich mich auf einmal "auf den Spuren des Dr. Brosius": Die beiden Gebäude in der Nachbarschaft wurden zu einem schmucken Hotel saniert und waren die ehemals berühmte "Villa Sayn", die zweite Klinik des Dr. Brosius aus dem 19. Jahrhundert, und das Fünftannenhaus, in dem ich nun mit meiner Familie wohnte, war das offene Badehaus des Sanatoriums, wo illustre Gäste kurten. An anderer Stelle wurden Einzelheiten dargestellt; deshalb verweise ich hier auf drei Berichte im INTERNET, die sich mit dieser Geschichte befassen. Von Ärzten und Heilanstalten Von der Villa Sayn zum Hedwig - Dransfeld - Haus Eines Tages drückte mir Werner Kutsche, der sich mit der GGH (Gesellschaft für Geschichte und Heimatkunde von Bendorf und Umgebung e.V.) in hervorragender Weise um die Geschichte unserer Stadt verdient und diese durch sein Internetprojekt weltweit bekannt macht, ein kleines Heft in die Hand, das 1867 bei August Hirschwald 1867 in Berlin verlegt und bei Johann Buet in Coblenz gedruckt worden war. Sein Autor: Dr. C. M. Brosius; sein Titel: Bendorf - Sayn Asyl für Gehirn- und Nervenkranke nebst Bemerkungen über Curmittel bei Irren. Ich war furchtbar gespannt, da ich wusste, dass Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Wende in der Psychiatrie eingesetzt hatte. Sollte Brosius tatsächlich zu den Pionieren der e u r o p ä i s c h e n Psychiatrie gehören und war Bendorf an dieser Entwicklung aktiv beteiligt? Nachdem ich das kleine Heft gelesen hatte, hatte ich keine Zweifel, dass dies tatsächlich der Fall war. So habe ich mit Werner Kutsche den Plan gefasst, dieses Heft zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugängig zu machen. Folgende Gliederung habe ich gewählt: An einigen ausgewählten Beispielen werde ich verdeutlichen, dass und wie sich hier in Europa die uns heute selbstverständliche Medizin erst seit der Aufklärung entwickelte Anschließend werde ich den Leser ein Stück auf den langen Entwicklungsweg zum Psychiatrieverständnis der Neuzeit führen. Nach diesen Hintergrundinformationen orientiere ich über Brosius, sein neues Asyl in der Villa Sayn und seine therapeutischen Arbeit. Dann wird die Selbstdarstellung von Dr. Brosius über sein Sayner Asyl im Originaltext wiedergegeben Kurze Einführung in die Geschichte von Krankheit und Heilung bis in die Neuzeit Um die Leistungen der Bendorfer Psychiater im 19. Jahrhundert und damit auch von Dr. Brosius besser einschätzen zu können, schauen wir ein wenig in die Vergangenheit. Das Erbe der antiken M e d i z i n k e n n t n i s s e wurde vor allem in der arabischen Kultur bewahrt. Europa blieb davon unberührt. Fast alles was uns heute im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit selbstverständlich ist, gab es weithin nicht. Der mittelalterliche Mensch wusste wenig über die biologischen Prozesse in unserem Körper. Kenntnisse über das Körperinnere kamen von den Tieren, die geschlachtet wurden und von aufgeschlitzten Menschen. Über die Krankheiten gab es viele Tabus und abergläubische Ängste. Sowohl individuelle Krankheiten wie auch die großen Seuchen waren in ihren Ursachen unbekannt, aber gehörten mit Selbstverständlichkeit zum Leben. Die uralten Vorstellungen von Krankheit als Strafe für die eigenen Sünden, und die der Vorfahren, waren trotz der Botschaft Jesu lebendig geblieben. Heilungsversuche waren deshalb eine Mischung von Naturverfahren (Tees, Säfte, Packungen, Schwitzen, Blutegel, Amputation, Dämpfe, Einreibungen, Bäder u. a. m.) und religiös - abergläubischen Praktiken (Wallfahrten, Zaubersprüche, Gebete, gute Taten u.a.m.). Die Sterblichkeit war hoch (Kindbettfieber, Kinderkrankheiten, Seuchen, Kriege). Bis ins 18. Jahrhundert gab es keinen geschützten medizinischen Berufsstand. Auf den Dörfern waren meist ältere Frauen die Trägerin von Heilkunde und Geburtshilfe. Die Arztpraxis war bis in die frühe Neuzeit noch nicht verbreitet, der Arzt wurde in das Haus zum Krankenbett. Hier traf er die ganze Familie und Nachbarschaft an, denen er über seine ärztliche Kunst Auskunft geben musste. Nur die Reichen hatten Leibärzte, die ständig in ihrer Umgebung waren. Bei schweren Erkrankungen zogen diese den Rat ihrer Kollegen hinzu. Viele Ärzte zogen auf Jahrmärkten durch das Land (z.B. Johann Eisenbart gest. 1727). Die Ferndiagnose (z.B. über Urinschau) war verbreitet. Die Berufsgruppe der Heiler war breit: Bader, Barbiere, Ärzte, Wundertäter, Priester, Hexer und Hexen, Scharlatane. Eine große Rolle spielte das Geld. Wer arm war musste sich selbst helfen oder war auf die Dorfgemeinschaft angewiesen. Von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie wird berichtet, dass er Kranke nach Hause schickte, wenn sie nicht zahlen konnten. Die meist am S t a d t r a n d e i n g e r i c h t e t e n Spitäler in den Städten (von christlichen Orden, B r u d e r s c h a f t e n , Städten eingerichtet und getragen) waren mehr Orte zum Sterben als zur Heilung und standen im wesentlichen nur den Stadtbewohnern zur Verfügung. Während der Reformation gründete der Hessische Landgraf Philipp die "Hohen Hospitäler", um die Armen - und Krankenpflege auch für die Landbevölkerung zugänglich zu machen. So wurde das ehemalige Zisterzienserkloster Haina zum Hospital für alte, schwerkranke und gebrechliche Männer eingerichtet. Carl Fries, 1852 - 1896 katholischer Pfarrer in Bendorf, berichtet in seiner Chronik der Stadt Bendorf über das alte Hospital in Bendorf und seine finanzielle Ausstattung im 18. Jahrhundert. Hier zeichnet sich schon die Wende im gesamten Gesundheitswesen ab, die im 19. Jahrhundert zu einer grundsätzlichen Veränderung bei den Spitälern, Heilern und Patienten führt. (s. INTERNET - Lexikon der Wiener Zeitung "Zur Geschichte der Beziehung zwischen Arzt und Patientvon Barbara Altmann; Vom Irren zum Psychiatriepatienten - der lange Weg der Psychiatrie: Der römische Autor Celsus im 1. Jahrhundert beschreibt verschiedene Methoden im Umgang mit verwirrten Menschen, z.B. Lüge, Schmerz, Schrecken, Ablenkung und Eingehen. Vor ihm sprach man in der Sprache der aristotelischen Philosophie von der "materia peccans" (d.h. die Folgen der Sünde), die die vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle verunreinigten. In der Praxis hat sich wohl bis in die Neuzeit nichts geändert. Geisteskranke wurden in Massenkerkern eingesperrt oder getötet. Die humanere Methode war die lebenslange Einschließung in Klöster. Wer aus den Normen der Gesellschaft heraus fiel, wurde ausgegrenzt. Diese Klassifizierung wurde ohne Differenzierung auf Bettler, Landstreicher, Zigeuner, sozial Entwurzelte, Kriminelle, politische Abweichler, Ketzer, heilkundige Frauen, Prostituierte, Geschlechtskranke, Idioten, Verhaltensauffällige und Krüppel angewandt. Geisteskrankheiten galten als Strafe Gottes oder als Beeinflussung durch dunkle Mächte. Deshalb spielten im christlichen Mittelalter Exorzismen (Austreibung böser Geister, Teufelsaustreibung), Heiligenverehrung (Schutzpatrone), Reliquien (heilige Gegenstände), Gebete, Messen und Wallfahrten eine bedeutende Rolle, wenn ein Familienangehöriger erkrankte. Aber bereits im Mittelalter wurde in Frankreich und Deutschland mit dem Bau von D o m s p i t ä l e r n begonnen, in denen neben Armen und anderweitig Hilfsbedürftigen auch Geisteskranke aufgenommen wurden. Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung des kirchlichen Versorgungssystems war die Tätigkeit einiger Ordensgemeinschaften (Alexianer im heutigen Nordrhein- Westfalen, "Barmherzige Brüder" in Polen, Italien, Österreich und Bayern). Klösterliche Werte wie Gehorsam, Armut und Keuschheit wurden in diesen Häusern zu Prinzipien des Umgangs mit den Patienten - Arbeit, Einsamkeit und Gebet zu zentralen Elementen der Therapie. Im späten Mittelalter entwickelten sich in den freien R e i c h s s t ä d t e n weltliche Formen der I r r e n f ü r s o r g e (Bürgerhospitäler), in denen neben Armen und Alten auch "harmlose Irre" aufgenommen wurden. Unruhige und aggressive Kranke wurden allerdings in die Stadttore gesperrt oder vor die Stadt in eigens dafür aufgestellte Holzkisten verbracht. Durch das Verschwinden der Lepra und das Ausbleiben von Pestepedemien konnten psychisch Kranke seit dem 16.-17. Jahrhundert in Lepra- und Pesthäusern untergebracht werden. Im katholischen Würzburg gründete Julius Echter von Mespelbrunn 1579 das nach ihm benannte Juliusspital, das für Arme und Kranke offen stand, auch wenn sie keine Bürger der Stadt Würzburg waren. Seit 1589 wurden dort auch Geisteskranke betreut. Aufgrund von Absolutismus und Aufklärung entstand in Frankreich zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein gegliedertes Versorgungssystem. Akut Kranke wurden zu einer mehrwöchige Behandlung in das "Hôtel-Dieu" verbracht. Wer nicht gesund wurde, wechselte in das "Hôpital général", bestehend aus dem "Hôpital de Bicètre" für Männer und dem "Hôpital de la Salpétrière" für Frauen. Beide Häuser beherbergten große Abteilungen für psychisch Kranke. In Deutschland entstanden in Abwandlung dieses Vorbilds Zucht- und Tollhäuser. Wer allerdings im "Hôpital général" ankam, hatte kaum eine Chance, wieder lebend herauszukommen. Gewalt gegen Patienten oder unter den Patienten war an der Tagesordnung. Die unruhigen und gefährlichen Patienten wurden in Ketten gelegt und geprügelt. Mit Beginn der I n d u s t r i a l i s i e r u n g , Ende des 18. J a h r h u n d e r t s , entstand eine vermehrte Nachfrage nach Arbeitskräften. Dazu kamen Landflucht, Frauen- und Kinderarbeit sowie die Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten. Deshalb musste sich zunehmend der Staat um Geisteskranke kümmern. Alte leerstehende Klöster und Schlösser wurden zu Irrenhäusern umgestaltet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschärfte sich die Problematik der überfüllten Irrenhäuser. Gegen 1900 waren Großanstalten mit 1000 Patienten und mehr die Regel. Doch die Masse der "ruhigen" Geisteskranken wurden in den Familien versteckt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann sich das Bewusstsein staatlicher Fürsorgepflicht zu entwickeln. Bis um 1900 hatten die Irrenärzte in den überfüllten Anstalten jedoch nichts in der Hand, um ihre Patienten zu therapieren. Wegschließen, Unterbringung in Massensälen, Zwangsjacke, Ketten, Fesseln, Gummizelle, Dunkelzelle, Wasser- und Elektroschocks, Sturzbäder mit kaltem Wasser, Zwangsstehen, Drehstühle, Schläge mit Ruten und Peitschen, Nahrungsentzug, Schlafmittel, Einreibung der Kopfhaut mit ätzenden Flüssigkeiten und Verwahrlosung waren gängige Methoden. Die Art, wie Geisteskrankheiten betrachtet und Patienten behandelt wurden, änderte sich nur sehr zögerlich. Im zaristischen Russland war es im 18. Jahrhundert der Russlanddeutsche Müller, der als Erster vorschlug, die Geisteskranken in verschiedene Kategorien einzuteilen: die Tobsüchtigen in das Erdgeschoss, die Melancholiker und Mondsüchtigen in den
ersten Stock und die Epileptiker in den zweiten Stock. Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert brachte erste Bemühungen um menschenwürdige Behandlung psychisch Kranker mit sich. Bedeutsam für die Entwicklung der psychosozialen Versorgung war der neue therapeutische Optimismus. Die Wurzeln dieses Umdenkens liegen vor allem in England. Der Quäker William Tuke (1732-1822) gründete 1794 in York ein privates "madhouse", dem er den programmatischen Namen "The Retreat" gab. Die heilsame Einsamkeit in einer idyllischen Landschaft bot Schutz vor der Welt und vor der aus den Fugen geratenen Natur, die sich in der psychischen Krankheit äußerte. Offenbar ist es im "Retreat" gelungen, auf Prügel, Ketten und Zwangsjacken zu verzichten. Besucher waren von der freundlichen Atmosphäre beeindruckt. Gerade auch deshalb beeinflusste das Ideal der heilsamen ländlichen Einsamkeit die Zielvorstellungen der Reformpsychiater des 19. Jahrhunderts nachhaltig. Wilhelm Griesinger (1817 - 1868) war einer der ersten deutschen Psychiater, die sich erfolgreich für die gewaltfreie Behandlung psychisch Kranker einsetzten. 1861 hielt sich Griesinger in England auf und lernte dort die Behandlung ohne Zwangsmittel kennen. Eine größere Anzahl von Psychiatern schloss sich nach einem Bericht Griesingers dessen Forderung nach Einführung der zwangfreien Behandlung an. Griesinger selbst begann in Zürich und 1865 nach seiner Berufung nach Berlin mit der neuen Methode, andere Kliniken folgten. Griesinger forderte zusätzlich die Errichtung von "Stadt-Asylen" (Rössler 1992) zur kurzfristigen wohnortnahen stationären Behandlung. Nur unruhige und gefährliche Patienten sollten weiterhin in Pflegeanstalten auf dem Land versorgt werden. Nach den Vorstellungen Griesingers entstanden in den folgenden Jahren an vielen Orten neue Stadtasyle, fast immer in Form von Universitätskliniken (z.B. Heidelberg 1878, Freiburg 1887). An diesen Einrichtungen und an den bereits bestehenden Kliniken wurden dann auch wieder Studenten unterrichtet. Die Ausbildung der Ärzte ging teilweise wieder in die Hände der Universitäten über. Die Universitätskliniken waren natürlich nicht in der Lage, die psychiatrische Versorgung der Bevölkerung allein sicherzustellen. Bevölkerungswachstum und Verstädterung erforderten immer höhere Behandlungskapazitäten. Überall wurden neue Anstalten eingerichtet und gebaut. Gesucht wurden verlassene Klöster. Bei Neubauten wurde der Pavillon - Stil bevorzugt. Malerisch in einem Park verteilte Villen, in denen die Patienten teilweise ausgesprochen komfortabel untergebracht waren. Der Name dieser Einrichtungen "Heilanstalten" sollte den Heilanspruch nach außen hin verdeutlichen. Mit der Veränderung der Blickrichtung änderten sich sowohl die therapeutischen Methoden wie die Anforderungen an das Pflegepersonal. Allerdings kam diese Humanisierung der psychiatrischen Medizin nur einer kleinen Schicht von Vermögenden zu Gute. (s. INTERNET -Bericht von Prof. Dr. H.J. Luderer: Zur Geschichte der psychiatrischen Behandlungsverfahren) Das Sayner Asyl und die Methoden des Dr. Brosius - inhaltliche Zusammenfassung seiner therapeutischen Selbstbeschreibung: Die Baugeschichte: Durch Schreiben v. 12. Juli 1856 erhält Brosius vom zuständigen "Königl. Ministerium der p.p. Medicinal - Angelegenheiten" in Berlin die Erlaubnis für eine psychiatrische Klinik. Er geht sofort an die Realisierung und baut seine erste Klinik im Zentrum von Bendorf (Hauptstraße, frühere Praxis Renzel). Am 1. Juli 1857 ist die feierliche Eröffnung des "Asyles für Gehirn- und Nervenkranke" Das Bendorfer "Asyl" heute Die Nachfrage ist groß, bis zum Jahresende sind es bereits 11 Patienten. Deshalb werden 1860 - 62 zwei Neubauten erstellt und ein Assistenzarzt eingestellt. Nun denkt Brosius bereits an ein größeres Projekt. 1862 kauft er am Stadtrand von Sayn ein großes Grundstück und zieht im April 1863 mit seiner Familie in die "Villa Sayn", "angeblich um in Bendorf mehr Platz und Ruhe zu schaffen", in Wirklichkeit hat Brosius von Anfang an den Plan zu einer psychiatrischen Klinik, die seinem therapeutischen Konzept entspricht. Schon 1864 - 65 wird die Villa durch einen Anbau erweitert und durch zwei Neubauten zu einer kompletten Klinik ausgebaut. Brosius beschreibt die Gebäude und deren Ausstattung sehr konkret, woran deutlich wird, wie wichtig ihm die äußeren Bedingungen sind. Die "Villa Sayn" ist ein zweistöckiger Bau. Brosius bewohnt mit seiner Familie 8 Räume und einen Salon im 1. Stock. Im 2. Stock sind 3 Krankenstuben - offensichtlich für Patienten, die ständig in der Nähe der Familie wohnen dürfen. Im "Anbau der Villa", dem sog. Haupthaus sind Praxisräume, Gesellschaftsräume, Wohnungen für das Wachpersonal, Badekabine, Küche und Vorratsräume und 18 Krankenzimmer. Die Patienten sind nach Geschlechtern getrennt. Brosius betont: "Sämtliche Räume sind, entsprechend den Anforderungen und Bedürfnissen der höheren Stände, mehr oder weniger elegant eingerichtet". Wir müssen uns erinnern: Es gibt noch keine Sozialversicherung. Die Humanisierung der Psychiatrie beginnt bei den Menschen, die selbst oder durch ihre Familie begütert sind. Die Armen sind ganz auf die Familie angewiesen und werden meist unter primitivsten Verhältnissen eingeschlossen. Der sog. "Seitenbau" ist als halboffene Anstalt für "Halbruhige" bestimmt: Wärterraum, Gesellschaftszimmer, 6 Krankenstuben und Badekabine. Das dritte Gebäude ist der "Zellenbau", also die geschlossene Abteilung. Die beiden Zellen haben die Größe von gut 13 qm und werden von einem dahinter verlaufenden Gang beheizt und versorgt. Wie viele Patienten in den beiden Zellen untergebracht sind, gibt Brosius nicht an. Aber er nennt ausdrücklich, dass auch die Zellen beleuchtet und beheizt werden. 1866 / 67 wird ein weiteres Gebäude als Badehaus für Kurzzeitkuren errichtet. Brosius beschreibt die Einrichtung: "Das vor kurzem vollendete zweistöckige Nebengebäude 70' (Fuß) lang, 27' (Fuß) tief, in welchem sich paterre, außer Oeconomie - Räumen, ein Blumenzimmer mit daranstoßendem Badekabinet befinden, enthält im 2. Stocke 5 Krankenzimmer, die auf einen 9' (Fuß = ca 30 cm) breiten Corridor stoßen." Geradezu ins Schwärmen kommt Brosius, wenn er das Umfeld beschreibt: "Haus und Garten gestatten die Aussicht auf die weite von Gebirgshöhen umgrenzte freundliche Landschaft", "eine wahrhaft entzückende Aussicht auf das Rheintal.....die eine der schönsten unserer Provinz ist", "ein Stück Gegend voll Anmut und Lieblichkeit". Das Personal Brosius versteht sich als Chefarzt und als Unternehmer. Für die medizinischen Aufgaben wird er von einem Assistenzarzt unterstützt. Seine Schwester ist Stationsleiterin für den Frauentrakt und für Küche, Hauswirtschaft, Waschküche und Dienstpläne zuständig. Die Pflegeleitung obliegt seinem Bruder, der den Titel "Inspector des Asyles" führt. Für die 25 Patienten sind als "Wartepersonal" 4 Wärter und 2 Wärterinnen tätig. Brosius nennt voller stolz den Pflegeschlüssel von 2,5. Außerdem gibt es noch eine Köchin mit zwei Dienstmädchen und einen Gärtner, der im Notfall auch als Wächter einspringt. Brosius betont eigens, dass er dem Familienbetrieb große Bedeutung zumisst: " Die Vortheile, welche an einem kleinen Asyls zusammen wirkende Geschwister seinen Bewohnern bringen können, sind für Jeden einleuchtend." Die Grundsätze der Therapie: "Bei der Behandlung seiner Kranken ging er von dem menschenfreundlichen, damals aber noch wenig Anklang findenden Grundgedanken aus, die äußeren Verhältnisse der Kranken möglichst denen der Gesunden, ihren Gewohnheiten entsprechend, gleichzustellen", so hatte ich zu Beginn dieses Beitrags zitiert. Brosius selbst nennt für seine Therapie drei fundamentale Prinzipien: Ruhe: Für Brosius ist die wichtigste Bedingung für seine Therapie die "Negation der Verhältnisse", in heutiger Therapie würde man von einer "Wohlfühl - Atmosphäre" sprechen. Alles ist auf dieses Ziel ausgerichtet: eine Atmosphäre der Ruhe und Entspannung für die Patienten zu schaffen. Auch Einzelheiten sind Brosius wichtig: die Gliederung der Räume lässt den Lärm aus Küche und Waschküche nicht bis zu den Patientenräumen dringen, Zimmer und Flure sind durch Teppiche schallgedämpft, die Fenster lassen sich von Innen verdunkeln. Hier sieht Brosius auch die Funktion seiner Familie. Er will die oft schlimmen Erfahrungen der Patienten lindern, wenn nicht sogar heilen. Die Patienten sollen sich im besten Sinne des Wortes "zu Hause fühlen". Liberale Diät: gemeint ist "gute Köchin und Küche". "Die Kranken müssen eine reichliche und gut zubereitete Kost erhalten; das beste Fleisch, Eier, möglichst viel frisches Gemüse; feines Brod, Wein, nahrhaftes Bier u.s.w." Wichtig ist für Brosius auch die Tischgemeinschaft. Eigens erwähnt er, dass auch Ärzte, der Verwaltungsleiter und anwesende Gesellschafterinnen mit den Patienten - soweit dies möglich ist - essen. Der Zimmerservice wird deshalb so organisiert, dass "alle Kranken, die es wünschen und können, mit uns am gemeinschaftlichen Tische speisen". Frische Luft: Als letztes nennt Brosius "die frische und reine Luft". Für die Patienten, die keinen Ausgang nach außen haben können, sind die Zimmer mit besonderen "Ventilations - Oeffnungen"" versehen. Alle anderen Patienten sollen "mehr draußen, als in ihren Zimmern" sein" Brosius weiß auch um den Faktor Zeit. Alle Heilungen brauchen Zeit. Und er bleibt immer realistisch, weiß er doch, dass die Pharmazie seiner Zeit kaum Medikamente anbietet, die zu einer Heilung führen. Brosius wendet die damals bekannten Medikamente (z.B. Opium, Bromkali, Chinin) zur Linderung von Symptomen wie Schmerzen oder Tobsuchtanfälle an, gesteht diesen aber für die Heilung nur geringe Bedeutung zu. An Zwangsmitteln erwähnt Brosius in schweren Fällen lediglich die Unterbringung in einer der Spezialzellen. Mit konkreten Zahlen gibt Brosius am Schluss seiner Dokumentation Nachweis über erreichte Heilungserfolge: 1867 wurden 12 Patienten neu aufgenommen und neun entlassen. Von den neun Entlassenen erhalten 6 die Diagnose "unheilbar". Insgesamt sind in diesem Jahr 25 Patienten im Asyl, davon gelten nur 6 als heilbar. Brosius weiß, dass verfestigte Psychosen in der Regel nur eine Chance auf temporäre Verbesserung haben. Hier richtet sich der ärztliche Beistand auf "Erhaltung des Restes geistiger Fähigkeiten, der Beweglichkeit und Zufriedenheit des Kranken". Den zutiefst humanistische Ansatz seiner Therapie formuliert Brosius wie folgt: "Am weitesten kommt man durch liberale Koncessionen, durch konsequente Ruhe, Güte und Leidenschaftslosigkeit im Verkehr mit ihnen, durch Erhöhung des Comforts, behagliche Einrichtung ihrer Wohnung, eine tadellose Beköstigung, sorgsame Wartung, Gewähr und möglichst großer Freiheit und verschiedenerer Privilegien, die ihnen zeigen, dass man ihnen vertraut und es gut mit ihnen meint." Brosius lehnt den ganzen Katalog der in der damaligen Psychiatrie üblichen Methoden der zwangsweisen Beeinflussung von außen wie Anschreien, Verbote und Strafen ab. Auch die "sog. psychische Ableitung durch Unterhaltung, Lectüre, Beschäftigung, Spiele, Musik, Zerstreuungen etc." hat für ihn nur Heilungsbedeutung bei Patienten mit geringer neurologischer Störung. Anders bei bestimmten unheilbaren Kranken, hier ist "die psychische Ableitung durch Beschäftigung und Zerstreuungen (...) sehr oft möglich und sehr oft wohltätig.". Den Begriff der Arbeitstherapie gebraucht Brosius noch nicht, aber sinnvolle Beschäftigung, auch zum Dienst für die Gemeinschaft, hat für ihn einen hohen Stellenwert. Brosius äußert sich auch zu der Rückführung in die Familie. Gerade bei Geisteskranken muss jeder Fall einzeln beurteilt und behandelt werden und "das Leben in der Familie" kann durchaus besser sein als der Aufenthalt im Asyl. Brosius nennt folgende Fälle: "Der Eine verträgt sich nicht mit diesem oder jenem Genossen in der Anstalt, er findet in dem gemeinschaftlichen Leben mit vielen andern Kranken stets Anlässe zur Erregung, zum Streit und zur Unzufriedenheit, es gibt oft Störungen der Ruhe und Ordnung, oft Klagen und Anklagen, während er in die Familie versetzt, verträglich, ordentlich zufrieden und harmlos ist. Ein Anderer scheut und weigert sich in der Anstalt zu arbeiten, seine Ideen verbieten ihm, sich mit Anderen auf dieselbe Stufe zu stellen......in die Familie versetzt, arbeitet er mit Freude, wird gesprächig und heiter." Ziemlich am Schluss gibt Brosius noch einmal eine Zusammenfassung seiner Therapie: " Eine detaillierte Schilderung des Lebens der Kranken in meinem Asyle würde hier zu weit führen. Es beruht auf zwei Grundsätzen, erstens den Heilbaren, den frisch Erkrankten möglichst viel Ruhe, möglichst viel Schutz vor heftigen und nachteiligen Eindrücken, zweitens den Genesenden und Unheilbaren möglichst große Freiheit zu gewähren". Zehn Jahre lebte und arbeitete Dr. Brosius mit seinem Team und seinen Patienten im Sayner Asyl. Sein Ruf wurde in ganz Europa bekannt. Dann fasst er zum dritten Mal den Plan zum Bau einer größeren und schöneren Klinik. Hierbei könnte auch eine Bedeutung gespielt haben, dass die Naturheilverfahren in der Psychiatrie an Bedeutung gewonnen haben. 1878 kaufte Brosius ein großes Grundstück am Eingang des Großbachtales in Bendorf, ließ die Waldanlagen des Ebhards - Berges aufforsten und begann mit dem Neubau einer Klinik, (später wurde daraus das "Hedwig Dransfeld- Haus"). Die ersten Patienten wurden im Jahre 1881 in die neue Anstalt, die den Namen "Waldesruhe" erhielt, aufgenommen.
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Originaltext aus der Broschüre von Dr. Brosius: "Asyl für Gehirn- und Nervenkranke"